Gespräch mit Besetzenden der OM10

„Wir gehen hier definitiv nicht mehr raus“
von am 2. Januar 2016 veröffentlicht in Gespräche, Migration, Politik, Soziale Bewegungen, Titelstory

Seit eineinhalb Monaten ist das ehemalige DGB-Haus in der Oberen-Masch-Straße 10 besetzt. Wir haben uns mit Michael und Karl – zwei Besetzern – getroffen und mit ihnen über den aktuellen Stand, die Langfristigkeit politischer Projekte und Arbeitsorganisation gesprochen. Raus geht da jedenfalls erstmal niemand.

Wie ist denn die allgemeine Stimmung bei euch nach eineinhalb Monaten Besetzung?
Michael: Die Stimmung ist voller Tatendrang und großer Zufriedenheit. Wir sind jetzt schon viel weiter, als wir zu Beginn einschätzen konnten. Zur Zeit wohnen hier sechs Geflüchtete und wir bauen die Wohnungen weiter aus. Der Bereich Fluchthilfe funktioniert gut. Dabei werden Leute über Nacht vom Bahnhof eingeladen, um in unseren Räumen zu übernachten. Auch der Veranstaltungsraum wird gut genutzt.
Karl: Das würde ich ähnlich sehen. Was man zu Weihnachten sagen kann, ist, dass viele Leute, die das hier mit aufbauen, ursprünglich aus anderen Gegenden kommen. Somit ist es momentan etwas ruhiger als an anderen Tagen. Wir haben nun auch noch aus anderen Städten Unterstützung bekommen. Von Leuten also, die explizit dafür gekommen sind, um hier beim Renovieren zu helfen. Und was wir vielleicht auch nicht so erwartet haben: Dass wir in der Weise auch Vorbild für andere Städte geworden sind.

Unser letzter Stand ist, dass es Verhandlungen mit der Treuhandgesellschaft der DGB (VTG) gibt, die das Haus verwaltet. Könnt ihr etwas zum aktuellen Verhandlungsstand sagen?
Karl: Es haben nach dieser ersten Verhandlungsrunde in der Form keine weiteren Gespräche stattgefunden. Wir haben unsere Positionen ja am Anfang ganz deutlich gemacht. Jetzt sind wir dabei, uns hier dauerhaft einzurichten. Mittlerweile sind hier auch Leute eingezogen, die tatsächlich die Perspektive haben, hier längerfristig zu wohnen. Von daher würde ich jetzt sagen, wir gehen diesen Weg auch weiter und gehen definitiv nicht mehr raus.

Das heißt, es gibt gar keine Konditionen zu denen ihr ausziehen würdet.
Michael: Die sind mir zumindest nicht bekannt (lacht).

Das ist eine klare Ansage.
Karl: Also im Moment wüsste ich nicht welche Konditionen das sein sollten. Uns sind ja bisher auch noch keinerlei Angebote gemacht worden. Ich würde jedoch auch sagen, dass wir ein klaren Weg vor uns haben. Auf diesem Weg haben wir viele Schritte schon verwirklicht. Von daher würde ich auch nicht sehen unter welchen Bedingungen wir tatsächlich wieder raus gehen würden. Zumal wir ganz deutlich gezeigt haben, dass wir die Sachen hier verwirklichen können, die wir verwirklichen wollen. Was die VTG ganz deutlich nicht gezeigt hat über mehrere Jahre. Es gibt also auch aus der Perspektive überhaupt keinen Grund hier wieder rauszugehen.
Michael: Wir haben ja auch Fachleute hier, die die Bausubstanz begutachtet haben und nun diese Renovierung mitgestalten. Aus deren Sicht ist das Haus ja soweit in Ordnung. Da wird an zwei bis drei Stellen noch mal was an der Elektrik gemacht. Es müssen noch zwei Duschen und zwei Küchen gebaut werden. Wir denken da erstmal an vier WGs – plus Wohnbereiche im Nebengebäude.
Karl: Dazu gibt es einen Bereich, der vorerst für Fluchthilfe reserviert bleibt. Also für Menschen, die mal eine Nacht oder vielleicht ein paar Nächte übernachten, aber nicht dauerhaft hier bleiben.

Nicht die typische Wilkommensinitiative

Wir haben das jetzt schon angesprochen: Das ist ein langfristiges Projekt. Könnt ihr da Grundzüge einer Strategie ausmachen? Könnt ihr etwas dazu sagen, wie das für langfristig angelegt ist?
Michael: Ich würde sagen, wir sind da in Bewegung, wir leben das ja. Es finden regelmäßige Plena statt, wo die BewohnerInnen und Alle, die sich zu diesem Haus dazugehörig fühlen, miteinander überlegen wie es weitergeht. Aber wie das jetzt in einem halben Jahr oder Jahr aussieht, da habe ich im Moment noch keine richtige Fantasie. Ich denke, es zeichnet sich ab, dass wir einen Teil des Hauses hier als politisches Zentrum nutzen. Der Bedarf dafür ist da und die Möglichkeiten auch.
Karl: Es ist sicher eine personelle Herausforderung, gerade auch in dieser Phase in der wir noch sehr viel herstellen müssen. Da wünschen wir uns auf Dauer schon, dass noch mehr Leute von außen dazu kommen. Was wir so nicht erwartet hatten ist, dass die OM10 tagsüber ein Anlaufpunkt für Geflüchtete aus ganz verschiedenen Unterkünften geworden ist. Weil es hier eben tagsüber doch attraktiver als in einer Unterkunft ist. Ganz konkret soll es in Zukunf noch mehr Sprachkurse geben.
Michael: Die haben schon gestartet. Conquer Babel bietet hier regelmäßige Kurse an. Die hatten Räume gesucht und sind jetzt mit ihren Deutschkursen hier fast täglich. Die Räume sind geeignet und stehen nachmittags dafür zur Verfügung.

Mir scheint, dass eure langfristige Strategie auch darauf basiert, dass ihr offen seid. Also, dass sich alle einbringen können. Conquer Babel hätte ich beispielsweise nicht zur typischen Hausbesetzer-Szene gezählt.
Michael: Ne, genau, das ist eine Organisation, die unter anderem hochwertige Deutschkurse anbieten, DolmetscherInnen vermitteln und so weiter. Und die suchten halt Räume und klar, da kommen wir natürlich ins Gespräch.
Karl: Ich würde auch sagen, dass es nicht eine von den klassischen Hausbesetzergruppen ist, aber dazu zählen eine Reihe Leute, die uns viel unterstützt haben. Zu dieser Form von Hausbesetzung gehören sie eben dazu. Wir haben eben ganz klar gesagt: Wir sind offen für Leute, wir wollen, dass Leute hier hinkommen und wir sehen uns als Teil dieser Willkommensinitiativen – auch, wenn das eine erstmal unerwartete Form ist.

Konkrete Hilfegesuche statt überfordernde Aufrufe

Könnt ihr aus der vergangenen Zeit schon Lehren ziehen, warum das so gut funktioniert hat? Können da andere Strukturen was lernen?
Karl: Sicherlich spielt die vielfältige Zusammensetzung der Gruppe, die das besetzt hat, eine große Rolle. Dann ist sicherlich diese Offenheit ein ganz zentraler Punkt: Hier gibt es einen offensichtlichen Bedarf, den viele Leute nachvollziehen können und bereit sind dafür aktiv zu werden und sich das auch über die Form des Auftretens nicht kaputt machen wollen. Darüberhinaus bekommen wir viel Unterstützung, die wir vorher gar nicht so absehen konnten.
Michael: Wir bekommen ja durchaus viel Hilfe und müssen die eben ordentlich koordinieren: Also im Blick haben, welcher Bedarf besteht an welcher Stelle und dann Anfragen dazu konkret raus schicken. Das macht es für dann für Außenstehende viel einfacher sich einzubringen. Also, wenn man nicht sagt: „Das ist ein besetztes Haus, kommt vorbei helft uns.“ Sondern sagt: „Wir brauchen zum Beispiel einen Boiler oder Unterstützung bei der Kinderbetreuung.“

Zusammenleben mit unterschiedlichen Hintergründen

Wie würdet ihr sagen, die Einbindung von Menschen, die hier Zuflucht suchen, funktioniert?. Menschen, die viel unterwegs waren und sind, während so ein Projekt vielleicht aber auch Beständigkeit braucht?
Michael: Also das Einbinden oder das Miteinander hier gestaltet sich ganz unterschiedlich. Je nachdem welchen Hintergrund die Menschen haben, wie sie vorher gelebt haben. Es sind jetzt BewohnerInnen da, die zum Beispiel in WG-Strukturen total schnell mitmachen, weil sie selbst so leben, oder weil sie auch schon selbstverwaltet gelebt haben und vielleicht aus Syrien kommen. Andere wohnen in ihren Zimmern eher so für sich. Da müssen wir einfach mehr Zeit aufbringen, um den Kontakt herzustellen. Da setzt man sich mal zum Tee zusammen, plaudert, oder zeigt sich gegenseitig YouTube-Videos; Wo wart ihr politisch aktiv? was habt ihr in eurer Heimat gemacht? Da braucht es wohl noch mehr Initiative von uns, auf die Leute zuzugehen. Und die Perspektiven sind eben auch nicht gleich. Die Leute, die hier wohnen, die wollen das auch. Aber einige werden ja noch rumgeschickt. Die sollen umziehen, sollen in andere Städte ziehen. Da suchen die Menschen, die jetzt hier wohnen, auch nach Lösungen. Es wird den Menschen ja auch nicht so leicht gemacht. Behörden sagen ja nicht: „Euch gefällt das Haus, ihr wollt selbstverwaltet leben, dann bleibt doch einfach hier“. Es gibt ein funktionierendes soziales Umfeld, ein kulturelles Leben, aber da achtet der Staat im Zweifelsfall nicht drauf. Auch da werden wir jetzt sehen, wie sich das entwickelt.

Danke für das Gespräch und die Ausdauer.

 

Weitere Informationen: http://omzehn.noblogs.org/

Fotos: TS

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