Demonstration gegen eine rechte Konjunktur

Gegen Männerbünde und rechte Konjunktur
von am 11. August 2015 veröffentlicht in Soziale Bewegungen, Studentenverbindungen, Titelstory

Gegen eine neuerliche rechte Grundstimmung sind am Montagabend 280 Menschen lautstark durch die Straßen Göttingens gezogen. Dabei stand die Kritik an Studentenverbindungen während des ganzen Protestes im Vordergrund. Das kommunistische Kollektiv sub*way hatte zur Demonstration aufgerufen, nachdem es in der Stadt vermehrt zu Angriffen durch Verbindungsstudenten und Neonazis gekommen war.

„Nationalismus raus aus den Köpfen!“ schallte durch die Innenstadt, als die Demonstration bei 30 Grad sommerlicher Temperaturen unter dem Motto „Die rechte Konjunktur lahmlegen. Männerbünde auflösen. Neonazis bekämpfen.“ vom Alten Rathaus aus die Weender Straße entlang loszog. Vor dem Lautsprecherwagen formierte sich ein 50 Personen starker Antifa-Block.

Friedlich, aber laut lief die Demo am Auditorium der Universität vorbei den Nikolausberger Weg hoch. Vor dem linken Wohnprojekt in der Bühlstraße 28, auf das Verbindungsstudenten vor wenigen Wochen mit Softair-Waffen geschossen hatten, stoppte die Demonstration. Ein Redebeitrag der Bewohner_innen des Hauses machte auf den gesamtheitlichen Aspekt des Protestes aufmerksam: So seien die Angriffe von Verbindern in der Vergangenheit und der Übergriff eines Neonazis in der Innenstadt lediglich Symbol einer erstarkenden rechten Konjunktur in der Bundesrepublik. Die Rednerin plädierte daher dafür, dieses Verhalten vor Ort nicht nur anzuprangern, sondern solidarisch aktiv zu werden, auch „an den kriegerischen Schauplätzen dieser Welt.“ Das Haus ziert momentan ein Transparent, auf dem farbentragende Verbinder jeweils ohne Gesicht zu sehen sind. Die Verbindungen Germania, Verdensia, Holzminda, Hannovera und Brunsviga sind darauf anhand ihres Couleurs symbolisiert und mit den Worten „Faschismus trägt viele Farben“ überschrieben.

Das veranstaltende Kollektiv wertete die Demonstration im Nachgang als Erfolg. Ein Mitglied der Gruppe sub*way sagte dabei: „Wir haben es dem engagierten Antifaschismus der 90er Jahre sowie dem linken und linksliberalen Klima in Göttingen zu verdanken, dass es in dieser Stadt aktuell nicht regelmäßig zu rechten An- und Übergriffen oder gar zu Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte kommt. Jetzt gilt es, weiterhin für einen antifaschistischen und feministischen Konsens in dieser Stadt zu kämpfen.“

„Rassisten, Sexisten, ekelhaft…

… das ist die Deutsche Burschenschaft,“ schallte es immer wieder in Bezug auf den deutschen Verbindungs-Dachverband. Vor den Verbindungshäusern auf der Demo-Route stand die Polizei mit massivem Aufgebot bereit, hielt sich jedoch ansonsten vorwiegend zurück. Dabei provozierten Anhänger oder Gäste der Landsmannschaft Gottinga die Teilnehmenden der Demonstration, indem sie sich genüßlich grinsend und mit nackten Oberkörpern aus dem Dachfenster ihres Hauses lehnten (Aktualisierung siehe unten).

Im Haus der Burschenschaft Germania hatten sich gleich an die dreißig Gäste in Couleur versammelt, um der Demonstration auf der schützenden Veranda beizuwohnen. Hier standen etwa 30 Mann der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit der Polizei bereit. Lautsprecherdurchsagen forderten die Beamten dazu auf, die Zeit in der Hitze doch lieber im Freibad zu verbringen.

Identitätsfeststellung bei Fotografin

Gegen diverse Farbbeutel- und Böllerwürfe auf das Haus der Landsmannschaft Verdensia in der Theaterstraße konnte jedoch auch das dann massive Aufgebot an Ordnungshütern_innen nichts ausrichten. Die Polizei ermittelt nun wegen Sachbeschädigung gegen unbekannt. Polizei-Einsatzleiter Holger Will hatte im Vorfeld gegenüber Monsters angegeben, dass die BFE nur im Notfall vor von Attacken betroffenen Verbindungshäusern zum Einsatz komme. Will meinte: „Wir gehen von einer friedlichen Demonstration aus, auch wenn in den vergangenen Wochen die Emotionen hochgekocht sind.“

Allerdings berichten Augenzeugen, drei Beamte der BFE hätten eine bekannte Foto-Journalistin einer Göttinger Tageszeitung bedrängt. Dabei hätten die Polizisten eine Personalien-Feststellung vorgenommen und eingefordert, die von der Demonstration aufgenommen Fotos zu sehen. Angeblich ging es ihnen dabei um mögliche „Portrait-Fotos“ von PolizistInnen. Soweit Monsters bekannt ist, verweigerte die Fotografin den Beamten eine Begutachtung ihrer Aufnahmen.

Keine rivalisierenden Jugendbanden

Bei einer Abschlusskundgebung auf dem Wilhelmsplatz stellte die Gruppe redical:m noch einmal den allgemeinpolitischen Bezug der Demonstration her: So seien Auseinandersetzungen zwischen Linken und Verbindern in der Stadt nicht wie teilweise medial dargestellt Scharmützel „rivalisierender Jugendbanden“. Vielmehr seien Verbindungen elitäre und rückwärtsgewandte Gruppierungen, die nicht nur einem historisch überholten Nationalismus anhingen, sondern auch einem Frauenbild nachhingen, dass sich seit 150 Jahren nicht verändert habe. Die Sprecherin schloss mit den Worten: „Daher müssen wir uns diesen farbentragenden Holzköpfen entgegenstellen.“

 

Update: Die Redaktion ereilte der Hinweis per E-Mail, dass es sich während der Demonstration kein Mitglied der Landsmannschaft Gothinga „mit freien Oberkörper über die Demonstranten lustig gemacht“ habe. Bei den Personen am Fenster habe es sich um Handerweker gehandelt, die sich zum Feierabend umgezogen hätten. „Da sie nicht aus Göttingen kommen, war eine Demonstration dieser Art für sie neu,“ so der Hinweisgebende weiter.

 

 

 

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