"Demonstration für Gaza" greift GegendemonstrantInnen an

Jagdszenen in der Fußgängerzone
von am 19. Juli 2014 veröffentlicht in Polizei & Justiz, Soziale Bewegungen, Titelstory
Angriff auf Teilnehmer der Gegenkundgebung (Videoausschnitt)
Angriff auf Teilnehmer der Gegenkundgebung (Videoausschnitt)

Fünf Israelfahnen waren zu viel: Eine als „Demonstration für Gaza“ Demonstration angekündigte Veranstaltung ist am Nachmittag in der Innenstadt eskaliert. Eine Solidaritätskundgebung für Israel wurde angegriffen, die Polizei war heillos überfordert – mindestens ein Teilnehmer der Solidaritätskundgebung wurde dabei am Kopf verletzt.

Für Samstag Nachmittag wurde im Internet zu einer Kundgebung „Demonstration für Gaza“ in der Göttinger Fußgängerzone aufgerufen. Wer hinter dem Aufruf steckte, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Bei vergleichbaren Kundgebungen unter anderem in Essen, Berlin und anderen Städten war es dabei bereits zu Ausschreitungen und antisemitischen Parolen gekommen. In Göttingen versammelten sich etwa 350 TeilnehmerInnen am Gänseliesel.

Die „Demonstration für Gaza“ war dabei vergleichsweise heterogen: Einige AntifaschistInnen beteiligten sich ebenso wie Angehörige offensichtlich unterschiedlicher islamischer Gemeinden und andere Göttinger BürgerInnen. Inhaltlich war die Aussage bereits vor den Redebeiträgen klar: „Israel mordet“, „free Palestine“ und „Israel=Kindermörder“ war auf Plakaten zu lesen. Einige gezeigte Flaggen erinnerten frappierend an die Hamas-Fahne, wobei die Inhalte (weißes islam. Glaubensbekenntnis auf grünem Grund) auch anderen Gruppen zugeordnet werden könnten.

Zugleich versammelten sich auch etwa 40-50 weitere DemonstrantInnen zu einer spontanen Gegenkundgebung, die sich zunächst zurückhaltend verhielt. Als jedoch mehrere Israelfahnen gezeigt wurden, spitzte sich die Situation zu: Immer mehr Teilnehmer der „Demonstration für Gaza“ steuerten auf die GegendemonstrantInnen zu, die als „Kriegstreiber“, „Kindermörder“ und „Judenschweine“ bezeichnet wurden. Die Gegenkundgebung antwortete mit Sprechchören „Free Gaza from Hamas“ und „lang lebe Israel“. Die fünf (!) eingesetzten Polizeikräfte versuchten hektisch, die beiden Kundgebungen zu trennen.

Dem Rat des polizeilichen Einsatzleiters folgend zog sich die zahlenmäßig hoffnungslos unterlegene Gegenkundgebung durch die rote Straße zurück. Dabei kam es zur Eskalation. Eine der Israelfahnen wurde entwendet, der Dieb versuchte sich in Richtung der „Gaza Demonstration“ zurückzuziehen. Der Polizei entglitt die Situation endgültig: TeilnehmerInnen der „Gaza Demonstration“ griffen die GegendemonstrantInnen mit Tritten und Faustschlägen an, mindestens ein Teilnehmer erlitt eine Platzwunde. Es kam zu regelrechten Verfolgungsjagden auf die sich zurückziehenden TeilnehmerInnen der Gegenkundgebung. Zugleich versuchten die OrganisatorInnen der „Demonstration für Gaza“, beruhigend auf ihre TeilnehmerInnen einzuwirken und diese zum Gänseliesel zurückzuordern. Dies zeigte jedoch wenig Wirkung.

Stattdessen gelang es der Polizei, Verstärkung herbeizuholen und eine Kette zwischen den beiden Demonstrationen zu bilden. Trotzdem kritisiert Indymedia zufolge das „Bündnis gegen jeden Antisemitismus“ die Polizei: Diese hätte „total versagt“, angesichts vorheriger Demonstrationen hätte sie wissen können, „dass es bereits in anderen Städten zu antisemitischen Übergriffen gekommen ist“. Beide Kundgebungen seien angemeldet gewesen. Es sei nicht so, als ob die Polizei nicht „hätte vorbereitet sein können“.

Die Gegenkundgebung löste sich anschließend auf, vielen DemonstrantInnen stand der Schock noch ins Gesicht geschrieben. Augenzeugenberichten zufolge wurde die Israel-Fahne später am Groner Tor verbrannt.

Fotos:

Die Kundgebung

Die Kundgebung

Auch einige AntifaschistInnen beteiligten sich an der "Demonstration für Gaza"

Auch einige AntifaschistInnen beteiligten sich an der „Demonstration für Gaza“

Erinnert frappierend an die Hamas-Fahne - das islamische Glaubensbekenntnis in weiß auf grünem Grund

Erinnert frappierend an die Hamas-Fahne – das islamische Glaubensbekenntnis in weiß auf grünem Grund

Ohne ging es scheinbar nicht - Bilder von verletzten und getöteten Kindern

Ohne ging es scheinbar nicht – Bilder von verletzten und getöteten Kindern

Die Gegenkundgebung entrollte Israelfahnen

Die Gegenkundgebung entrollte Israelfahnen

Angriff auf Teilnehmer der Gegenkundgebung

Angriff auf Teilnehmer der Gegenkundgebung

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6 Kommentare auf "Jagdszenen in der Fußgängerzone"

  1. ichhalteben sagt:

    Selbst wenn ich das Anliegen der Gaza-Kundgebung (vollumfänglich) unterstützen würde: Das, was da heute passiert ist, ist einfach nur abstoßend und führt mich dazu, was ich nur sehr selten mache: Zum Fremdschämen. Aber das scheint ja auch mittlerweile der Normalzustand zu sein, wenn man sich vergangene Kundgebungen in anderen Städten mit selbiger Motivation anschaut.

  2. on_the_right_side_of_history sagt:

    Man beachte die im Video auf youtube um Minute 3:30 gegrölten, eindeutig als verfassungsfeindliche Parole erkennbaren und in Deutschland verbotenen Naziparolen, sowie den hysterischen Schrei „Du verdammtes Judenschwein“ bei 3:15.
    Sind das die Demos, bei denen Göttingens autonome/linke Szene – die sich seit jeher nicht mit Toleranz auszeichnet, was beispielsweise Verbindungsstudenten angeht – ihren wahren Charakter zeigt? Roter Lack auf brauner Seele? Oder war das Zusammenwirken mit faschistischen Strömungen nur ein unglücklicher Zufall?

  3. PDog sagt:

    Was im Artikel steht stimmt so nicht. Ich war dabei.
    Die Demonstration war komplett friedlich abgesehen von diesem Vorfall, der nicht nur durch die Demonstranten für Gaza ausgelöst wurde. Man hat gesehen wie die Polizei vor den Palästina(Gaza) Demonstranten stand und währenddessen die Demonstranten für Israel auf sie zugelaufen kamen.

  4. Robert Lahn sagt:

    Pressemitteilung: Bündnis gegen jeden Antisemitismus und Islamismus

    Göttingen. In Göttingen ist heute Nachmittag (19.07.2014) eine Pro-Palästina Demo eskaliert. Die Demo wurde lediglich im Internet beworben und hatte dennoch unheimliches Mobilisierungspotenzial. Bis zu 500 Menschen folgten dem Aufruf. Sie hielten Palästina-Fahnen, Fahnen mit religiösen Glaubensbekenntnissen und durchgestrichene Israelfahnen in die Luft. Auch einige Antifa-Fahnen waren zu sehen. Obwohl von den OrganisatorInnen bereits im Internet darum gebeten wurde friedlich zu bleiben und betont wurde, dass sich gegen die israelische Politik sein, nicht aber gegen Juden, eskalierte die Situation sehr schnell. Die Demo fühlte sich von am Rande der Demonstration stehenden 40 bis 50 Teilnehmenden israelsolidarische Gegendemonstrant_innen provoziert und forderte die Polizei aggressiv auf sie wegzuschicken. Die Polizei, lediglich mit vier PolizistInnen vor Ort, hatte die Lage zu keinem Zeitpunkt unter Kontrolle. Immer mehr Demonstrierende bewegten sich auf die Gegendemonstrierenden zu und beschimpften sie als Mörder. Sie riefen Parolen wie: „Allahu Akbar„ („Gottt ist groß“), „Kindermörder Israel“ und „Free Gaza.“ Einige aus der Pro-Palästina Demo begannen die Gegendemonstrierenden zu bespucken und als eine kleine Gruppe von jungen Leuten begann „Judenschweine“ zu rufen, eskalierte die Situation vollkommen. Die Pro-Palästina Demo trieb die Gegendemo mit Tritten und Schlägen die Rote Straße hinauf. Dabei kam es auch zum Einsatz von Schlagwaffen. Einige der der Pro-Palästina Demonstrierenden erbeuteten mit Gewalt Israel-Fahnen, warfen sie auf dem Boden und begannen damit mit Füßen auf ihnen herumzutreten.
    Anstatt aber die Angreifer zurückzuhalten, begann die Polizei die GegendemonstrantInnen mit Gewalt zurück zu drängen. Dabei rief die israelsolidarische Demo immer wieder: „Free Gaza from Hamas“ und „Gegen jeden Judenhass, Free Gaza from Hamas.“ Die wenigen PolizistInnen vor Ort wurden von der Pro-Palästina Demo überrannt und es gab zahlreiche Verletzte bei den GegendemonstrantInnen. Mindestens eine Person musste zur Behandlung ins Krankenhaus.
    „Die Polizei hat heute total versagt,“ so die Franka Stockebrandt die Sprecherin des Bündnisses Gegen jeden Antisemitismus und Islamismus. „Hätte man die Lage in der Bundesrepublik in den letzten Tagen aufmerksam verfolgt, konnte man wissen das es bereits in anderen Städten zu antisemitischen Übergriffen gekommen ist,“ so die Sprecherin ärgerlich. „Beide Demonstrationen waren angemeldet. Es war also nicht so als wäre die Polizei darauf nicht vorbereitet gewesen,“ so Stockebrandt.
    „Wir fordern die OrganisatorInnen und alle anderen TeilnehmerInnen der Pro-Palästina Demonstration dazu auf sich von islamistischen und antisemitischen Schlägern zu distanzieren,“ so die Sprecherin abschließend.

  5. martin.herrndorf sagt:

    „Ohne ging es scheinbar nicht – Bilder von verletzten und getöteten Kindern“ – Leider ein Satz, der unschuldige Opfer verhöhnt…

  6. Fernseherin sagt:

    Worin da der Hohn bestehen soll ist mir schleierhaft.

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