Burschileaks

Die Buxen-Einheitsfront
von am 22. November 2011 veröffentlicht in Hintergrund, Studentenverbindungen

Ein Zusammenschluß von Göttinger Verbindungsstudenten zeigt, dass ideologische Differenzen die Verbinder nicht von einer Zusammenarbeit abhalten. Auch der völkische Rassismus der Deutschen Burschenschaft hindert viele nicht daran, mit den Mitgliedern des Dachverbands gemeinsame Sache zu machen. Interne Dokumente belegen, wie die Verbindungsszene geschlossen PR in eigener Sache macht. Mitten drin: Politiker von SPD und RCDS.

Als sich im Sommer der Burschenschafts-Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB) den völkischen Nationalismus in die Satzung schreiben wollte, war der Aufschrei groß. Plötzlich wurde auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert, dass sich in der Verbindungsszene gefährliche Zeitgenossen tummeln. Noch lauter als sonst forderten auch Göttinger Verbinder ein, nicht mit der DB über einen Kamm geschoren zu werden. Aus dem gemäßigten Verbindungsspektrum waren Distanzierungen von der völkischen DB zu vernehmen.

Hinter den Kulissen gibt sich die Göttinger Verbindungsszene trotz solcher Nebenschauplätze geschlossen. Im Frühjahr gründete sie die IGV, eine „Initiative Göttinger Verbindungsstudenten“. Ihre Mitglieder: ein Querschnitt der Göttinger Verbindungsszene, mit dabei auch Burschen der DB-Mitgliedsburschenschaften Hannovera und der „sehr verehrten“ Holzminda, wie es in einem Sitzungsprotokoll heißt. „Diese wurden bewusst nicht mit Vorstandsämtern bedacht, um nicht angreifbar zu sein“, kommentiert ein Insider deren Mitgliedschaft in der IGV. Auch dass der Vorsitz weiblich besetzt ist, sei taktischen Erwägungen geschuldet. Monsters of Göttingen liegen interne E-Mails, Protokolle und Screenshots einer geschlossenen Facebook-Gruppe vor, die Einblicke in die Strukturen der Organisation erlauben. Etwa 70 Verbinder gehören dem Zusammenschluß an.


IGV-Verbinder fühlt sich sexistisch diskriminiert (Screenshot Facebook)

„Die IGV sieht es als ihre Aufgabe an, sich gemeinsam für die Gesellschaft bzw. Öffentlichkeit zu engagieren und die Gemeinschaft der Verbindungen in Göttingen zu stärken“, heißt es in den Grundsätzen der IGV. Das bedeutet: Die Verbindungen wollen Öffentlichkeitsarbeit machen, weil sie sich von der linken Szene in die Ecke gedrängt fühlen. In einer scheinbar eigens für das Göttinger Tageblatt verfassten Pressemitteilung heißt es, Verbindungen würden immer wieder „in die rechte Ecke gestellt“ und in Vorträgen der Basisgruppe Geschichte als „Sperrzonen des Intellekts“ bezeichnet. „Tatsächlich gibt aber es wohl kaum Vereinigungen, die basisdemokratischer organisiert sind, für die ein freies Denken und das Individuum mehr im Mittelpunkt stehen und die ähnlich viele Mitglieder mit Migrationshintergrund in ihren Reihen haben“, schreibt die IGV, gefolgt von einer Liste der Herkunftsländer Göttinger Verbindungsstudenten.

Das Hauptziel der Vereinigung ist nach eigenen Angaben, „Vorurteile gegenüber Korporationen abzubauen und die Gewalt gegen Verbindungsstudenten und –häuser zu stoppen.“ Die Akzeptanz für Verbindungen in der Göttinger Bevölkerung soll gesteigert werden. „Studentenverbindungen stehen allen offen“, beteuert der stellvertretende IGV-Vorsitzende Jörg Meineke in der Pressemitteilung, seines Zeichens Rechtsanwalt.


Hannovera-Bursche mit latentem Hang zum Nationalsozialismus

Offen für alle, das bedeutet in diesem Zusammenhang wohl auch offen für Rechtsradikale. Erst im Sommer tauchte ein Hannovera-Bursche auf Spenderlisten der NPD auf. Die mutmaßliche E-Mailadresse des Spenders findet sich auch im Adressbuch der IGV. Eigentlich keine Überraschung, denn aus ihrer Gesinnung haben die Burschenschaften Holzminda und Hannovera nie einen Hehl gemacht, sondern öffentlich zu Vorträgen unter anderem mit Karl-Heinz Weißmann, Vordenker der neuen Rechten, oder auch dem ehemaligen General Reinhard Günzel eingeladen, der wegen antisemitischer Äußerungen aus der Bundeswehr geflogen war. Weder die IGV-Vorsitzende Melanie Mai noch ihr Stellvertreter Meineke reagierten auf Anfragen, wieso sie mit Burschen der DB-Burschenschaften zusammenarbeiten. Am Dienstagabend soll nach MoG-Informationen ein neuer Vorstand gewählt werden.

Die Mitglieder

Mitglieder aus folgenden Verbindungen sind in der IGV organisiert, haben an Treffen teilgenommen und/oder sind Mitglieder der Facebook-Gruppe:

Sängerschaft Gotia et Baltia
Landsmannschaft Verdensia
Burschenschaft Hannovera
Verein Deutscher Studenten zu Göttingen
Göttinger Wingolf
Turnerschaft Salia-Jenensis
Akademische Turnverbindung Albertia
Burschenschaft Holzminda
Turnerschaft Ghibellinia
Akademische Verbindung Parnassia
Corps Agronomica Hallensis
Sängerschaft Arion-Altpreußen
Burschenschaft Brunsviga
Königsberger Burschenschaft Gothia
Corps Brunsviga
Turnerschaft Gottingo-Normannia im MK
Corps Hannovera
Turnerschaft Cheruscia
Burschenschaft Germania

Regen Austausch gibt es zwischen der IGV und dem Göttinger Lassalle-Kreis, einem Zusammenschluß von Verbindern in der SPD, dem in Göttingen mindestens ein gutes Dutzend Männer angehören. Zusammen mit der AG Geschäftsführung der IGV plante der Kreis Anfang November einen „Abend mit Bier und Gesang“. Zentrale Verbindungsfigur zwischen Lasalle-Kreis und IGV: Alexander Voigt, stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Göttingen Mitte/Nord. „Als Mitglied des Lassalle-Kreises habe ich vereinzelt und beobachtend an Zusammenkünften der IGV teilgenommen“, schreibt Voigt auf Anfrage.

In der Facebook-Gruppe gehört der Kommunalpolitiker allerdings zu den aktivsten Nutzern, sodass hier von „vereinzelt und beobachtend“ keine Rede sein kann. Wieso er sich mit Burschen von Hannovera und Holzminda an einen Tisch setzt? Voigt verweist auf Distanzierungen der SPD und des Lasalle-Kreises von der Deutschen Burschenschaft. „Gerade als Mitglied der SPD und Göttinger Kommunalpolitiker muß es (auch) meine Aufgabe sein, extremistische Gewalt in unserer Stadt zu verhindern, bzw. deutlich zu verringern“, schreibt Voigt. Schließlich sei die IGV aufgrund von „zahlreichen Brandanschlägen und körperlichen Übergriffen auf Verbindungshäuser und Korporierte“ gegründet worden.


Trotz Unvereinbarkeitsbeschluß: Voigt an einem Tisch mit rechten Burschen

Verbindungen gibt es auch zur Studentenorganisation der CDU: der Göttinger RCDS ist mit mehreren Mitgliedern aus seinem Vorstand in der Initiative vertreten.

Um ihre Vorhaben umzusetzen, plant die Initiative verschiedene Aktionen. So wurde der historische Bullerjahn im alten Ratskeller, der mittlerweile nach dem Verbindungsritual benannt ist, bereits wiederbelebt. Zum Tag des offenen Denkmals am 11. September ließen unter anderem die Burschen von der Holzminda ihr Verbindungshaus besichtigen, ebenfalls eine IGV-Idee. Zum 275. Jubiläum der Universität im kommenden Jahr schließlich plant die IGV einen „Uniball“. Einen Antrag auf finanzielle Unterstützung dieses Vorhabens hat der Asta den IGV-Unterlagen zu Folge abgelehnt.


Hier traf sich die IGV am 7. Juni: das Haus der Holzminda in der Wilhelm-Weber-Straße (Foto: 5708)

Die Zusammenarbeit zwischen den Studentenverbindungen der Stadt und der Georg-August-Universität möchte die IGV auch zu ihren Gunsten verbessern. Zu diesem Zweck bat sie Univizepräsident Wolfgang Lücke um ein Gespräch, „in dem wir Ihnen gerne unsere Ideen und Wünsche vortragen“, wie es in einem Schreiben heißt. Ob dieses Gespräch stattgefunden hat, ist unklar. Die Universität bestätigte am Dienstag lediglich den Eingang der Anfrage.

Aus den Dokumenten ist auch ersichtlich, dass die Verbinder neben HNA, GT und Junger Freiheit auch Monsters of Göttingen lesen. Als im Juli in den Kommentaren zu einem Artikel auf ein Treffen von Verbindern im Bullerjahn hingewiesen wird, wird in der geschlossenen Facebook-Gruppe die Frage aufgeworfen: „Haben wir einen V-Mann unter uns?“ Vollkommen kalt lassen die Verbinder solche Enthüllungen offenbar nicht, denn als Reaktion schlägt einer von ihnen vor, für das nächste Treffen ein „Ablenkungsdate“ in der Nähe der Stadthalle zu inszenieren. „Sowas bringt nix“, lautet eine Antwort auf diesen Vorschlag, „so schnell wie die mobilisieren können.“

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28 Kommentare auf "Die Buxen-Einheitsfront"

  1. blabla100 sagt:

    „Am Dienstagabend soll nach MoG-Informationen ein neuer Vorstand gewählt werden.“

    Genau, und zwar ab 20 Uhr im Ratskeller

  2. afagoe sagt:

    Wir rufen dazu auf, das Treffen zu verhindern! 20 Uhr Ratskeller (Bullerjahn)

  3. fuxfuchs sagt:

    Sicher, dass das Bullerjahn gemeint ist? Es gibt ja eigentlich jetzt nur noch einen Ratskeller, den „kleinen Ratskeller“ in der Jüdenstraße.

  4. Die Mitte erobern! sagt:

    Die Jusos haben heute früh eine PM rausgeschickt:

    SPD-Mitgliedschaft und Engagement in der rechten Verbindungs- und Burschenschaftsszene unvereinbar: Voigt muss die „Schärpe“ nehmen!

    Die Göttinger Jusos sind empört über die neuen Erkenntnisse, die der Artikel „Burschi- leaks. Die Buxen-Einheitsfront“, erschienen am 22.11.11 auf http://monstersofgoe.de/, liefert.
    Die Jusos verurteilen das Engagement des stellvertretenden SPD-Ortsvereinsvorsitzenden in Mitte/Nord Alexander Voigt in der rechten Verbindungs- und Burschenschaftsszene aufs schärfste und distanzieren sich von seiner Person und seinen Aktivitäten.

    Hierzu erklärt der Vorsitzende des Juso-Unterbezirks Göttingen Daniel Choinovski: „Für uns ist es untragbar, dass ein SPD-Mitglied mit rechtsgerichteten Vereinigungen, die nachweislich sogar Verbindungen zur NPD besitzen, sympathisiert und deren Arbeit federführend mitgestaltet. Rechtes Gedankengut und Engagement haben in der SPD nichts zu suchen!“

    Cornelia Seiberl, Mitglied im Juso-Stadtverbandsvorstand, ergänzt: „Nach unserer Auffassung war eine Differenzierung zwischen moderaten und offen bekennenden rechten Verbindungen bzw. Burschenschaften nie gerechtfertigt. Das zeigt auch die Vereinigung der Göttinger Szene unter einem örtlichen Dachverband. Die in der Vergangenheit vorgeschobenen Distanzierungen einiger Verbindungen und Burschenschaften untereinander sind nur Makulatur. Nationalistische, sexistische, völkische und rassistische Positionen sind in der gesamten Szene offenbar zumindest hoffähig.“

    Choinovski und Seiberl fordern im Namen der Göttinger Juso-Vorstände die SPD-Gliederungen in Göttingen auf, schnell zu handeln und personelle Konsequenzen zu ziehen. Sie erklären: „Wir werden keine Ruhe geben, bis Alexander Voigt die Schärpe nehmen muss und fordern die Partei deshalb auf, ein Ordnungsverfahren mit dem Ziel des Ausschlusses gegen ihn einzuleiten.“

  5. w wilson sagt:

    Na, wollen wir die Kirche mal im Dorf lassen!
    „Das zeigt auch die Vereinigung der Göttinger Szene unter einem örtlichen Dachverband.“
    Von einem „Dachverbandszusammenschluss“ war zumindest in dem Artikel nichts zu lesen, oder weiß da jemand mehr als der einfache Lesende ? Nett wäre es jedenfalls, wenn ihr die ominösen Protokolle etc. mal bei indymedia reinstellen könnt, dann kann man sich da mal ein genaures Bild der Untriebe machen.

  6. Die Mitte erobern! sagt:

    Soweit mir bekannt, ist die IGV (mit gewähltem Vorstand usw.) ein „örtlicher Dachverband“.

  7. w wilson sagt:

    Das geht aber zumindest aus dem Artikel nicht hervor, wo es lediglich „Die Verbindungen wollen Öffentlichkeitsarbeit machen“ heißt.

  8. Die Mitte erobern! sagt:

    „Am Dienstagabend soll nach MoG-Informationen ein neuer Vorstand gewählt werden.“
    Gewählter Vorstand – das ist der der springende Punkt.

  9. w wilson sagt:

    Die Argumentation ist so nicht haltbar. Einen Vorstand wählt jeder x-beliebige Hasenzüchterverein, das hat meines Wissens nichts mit einem Dachverband gemein. So wie ich das verstanden habe können Verbindungen nur in einem Dachverband sein, weshalb demzufolge auch die Hannovera nicht mehr in der DB wäre und damit eine Argumentationsgrundlage gegen diese wegfallen würde… Mit der IGV sollte wohl „lediglich“ eine Marketingorganisation gegründet werden, damit die Herren (und Damen) in einem besseren Lichte zur Welt blicken.
    Interessant wäre es mal, die jeweiligen Korporationen mit dem Artikel zu konfrontieren!

  10. Die Mitte erobern! sagt:

    ist letztlich auch egal, welches Etikett die Scheiße hat. Wir werden das hier nicht abschließend klären können.

    Das GT berichtet!
    http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Goettingen/Uebersicht/Jusos-fordern-Parteiaustritt-von-Alexander-Voigt

    Auch in der taz gibt es einen Artikel.

  11. Hannovera sagt:

    „Ein Mitglied der Burschenschaft Hannovera hat als Jugendlicher, bevor
    er eintrat, eine Spende an die NPD geleistet.
    Die Burschenschaft Hannovera steht nicht in der Nähe zu einer extremen
    Partei. Sie vertritt und duldet keine extreme Politik. Das gleiche
    erwartet sie von ihren Mitgliedern. Sie fordert das aktive Eintreten für
    Ehre, Freiheit und das Vaterland.
    Ein Zusammenhang zwischen der Spende, der Deutschen Burschenschaft,
    anderen Burschenschaften, göttinger Verbindungen oder deren Mitgliedern
    besteht nicht.

    Die Burschenschaft Hannovera
    Göttingen, am 24. November 2011“

  12. A.M.P. sagt:

    Eure seltsame Extremismustheorie könnt ihr euch an den Hut stecken, um es mal vorsichtig zu formulieren. Dass die Extremismustheorie NS-Gedankengut relativiert dürfte mehr als klar sein. Du Hufeisenopfer!
    „Sie fordert das aktive Eintreten für Ehre, Freiheit und Vaterland!“ Was soll dieses Ehrgequatsche und wofür sollt ihr da aktiv eintreten? Wenn man euch beleidigt, verlangt ihr Genugtuung? haha. Gut Freiheit im Rahmen bürgerlicher Ideologieproduktion ist jetzt nicht besonders kreativ. Aber und das ist der interessante Punkt, aktives Eintreten für das Vaterland? Ihr diskutiert doch nach wie vor, wie die Grenzen um Deutschland zu ziehen sind. Mit den Potsdamer Verträgen tut ihr euch doch immer noch ein wenig schwer. Das voluntaristische Moment für Deutschland einzutreten und zwar aktiv erscheint mir nicht weit weg von den Nazis zu sein. Die wollen sich doch auch nur „aktiv für Deutschland einsetzen“.Was heißt denn das jetzt bei euch?
    @ Monsters: Bin ich heute konstruktiv, aber seit wann können hier Burschiewixer über Ehre und Vaterland schreiben? „Unsere Ehre heißt Treue“ ist nicht soweit von dem Leitspruch der Hannovera weg.

  13. Die Mitte verteidigen! sagt:

    Wenn ein Göttinger Linker seinem Gegenüber lediglich das Wort verbieten will muss man diesen wirklich als verhältnissmäßig konstruktiv ansehen.

    Beim GT ist jetzt jedenfalls nach zu lesen, wie die Göttinger Korporationsszene auf die NPD-Spende reagiert hat:
    http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Goettingen/Uebersicht/Ausschluss-fuer-Burschis

  14. raks sagt:

    Liebe Monster, ich heute auch konstruktiv:

    „Als ich, ein junger Student, in die Burschenschaft trat, war das mein Bekenntnis zur Pflicht, zur Treue und vor allem zur Freiheit! … In der Burschenschaft lebt man für die Freiheit – eben durch die Freiheit. Hier lernte und übte ich, als Individuum zu wirken für die Mehrheit, für das Gute. Denn das ist es, was die Burschenschaft letztendlich bezweckt und bewirkt.“

    Theodor Mommsen (1817-1903), Historiker, 1848 an der Märzrevolution beteiligt, Professor für Römisches Recht und für Alte Geschichte, 1902 Nobelpreis für Literatur.

  15. Harvey sagt:

    Ich weiß nicht, was konstruktiv daran sein soll, uralte Huldigungen auszubuddeln, die Burschis vor knapp 200 Jahren zum besten gegeben haben. Oder willst du diskutieren, ob Burschis die Rechtfertigung für ihren verquasten Autoritätskrempel immer noch aus der politischen Situation vor 200 Jahren ziehen sollten?
    Persönlich glaube ich das kaum. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, mal auf ihrem „Haus“ mit Burschis zu diskutieren. Niemand von denen hätte ernsthaft tiefgreifende Kenntnisse der Geschichte gehabt, mit denen er irgendwas hätte begründen können. Nein, da werden allenfalls ein paar Phrasen gedroschen, aber wenn man nachfragt, kommt da gar nix. Ich habe keine Ahnung, was Burschenschaften vor 200 Jahren mal waren. Ich vermute: Ebenso alberne, abgehobene Vereine voller Menschen, die versuchen, Intellektuelle zu spielen, nicht indem sie intellektuelles Handeln pflegten, sondern nur steckengeblieben im Versuch, Gestus und Habitus nachzuahmen. Genauso verzweifelt, wie ihnen das nicht gelingen will, so ist ihnen auch der alberne militaristische Anstrich missraten.
    Heute ist jedenfalls nichts mehr übrig, sollten dort einmal zu irgendeiner Zeit unterstützenswerte Ideale gewesen sein. Heute sind Verbindungen der Hort der Reaktion, die dem Gestrigen huldigen. Da liegt schon fast eine morbide Aura drüber. Dieser Hort sind sie aber nicht, weil sie es wollen, das sind sie, weil sie es mangels politischer Ideen schlicht nicht anders können. Falls jemals in den Verbindungen die Freiheitsliebenden den Ton angaben – heute sind es jedenfalls die Claqueure der bestehenden Verhältnisse, die Nachplapperer, die Nach-Bekleideten, ja mittlerweile sogar die Nach-Frisierer (wenn man mal den zweifelhaften Erfolg der Guttenbergschen Ölfrisur ansieht).
    Dieser Typus Konservativer von heute ist eine mitleiderregende Figur, und zwar ganz besonders dann, wenn er sich Kronzeugen von 1848 sucht.

  16. raks sagt:

    Harvey, was willst Du diskutieren?
    Du hast die Wahrheit doch gepachtet.
    Du erinnerst mich an die, die Du kritisierst.
    Ich gratuliere zu dem festen Weltbild.
    Weiter so; lass‘ Dich durch die Realität nicht verunsichern!

  17. Die Mitte verteidigen! sagt:

    „Niemand von denen hätte ernsthaft tiefgreifende Kenntnisse der Geschichte gehabt, mit denen er irgendwas hätte begründen können. Nein, da werden allenfalls ein paar Phrasen gedroschen, aber wenn man nachfragt, kommt da gar nix…“

    „Ich habe keine Ahnung, was Burschenschaften vor 200 Jahren mal waren. Ich vermute..

    Hauptsache, man VERMUTET es selber alles besser !

  18. apl sagt:

    Leute ernsthaft?
    Wofür wurde denn hier die Anmeldepflicht eingeführt? Doch nicht unwesentlich eben wegen dieser leidlichen Diskussionen, dem Rumgetrolle und der Überschwemmung durch irgendwelche Burschis, oder hab ich das falsch abgespeichert?

    In jedem Fall: Don’t feed the troll.

  19. retmarut sagt:

    @ raks (in Bezug auf Mommsen):
    „war das mein Bekenntnis zur Pflicht, zur Treue und vor allem zur Freiheit!“

    Beim schwammigen Begriff Freiheit sollte mal kritisch hinterfragt werden:
    1. Freiheit von was?
    2. Freiheit für wen?

    Freiheit ist schließlich kein Wert an sich, sondern ökonomisch und gesellschaftlich eingebunden.

    Und wenn wir schon 200 Jahre zurückblenden und hier einige Kommentatoren die Urburschenschaften zu verherrlichen gedenken: Bei der Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest 1817 wurde u.a. der Code Civil verbrannt, das erste moderne bürgerliche Gesetzbuch, das in einigen Staaten Deutschlands in napoleonischer Zeit eingeführt wurde und dort das feudalistische Recht abschaffte. Es war die deutsche Reaktion (allen voran Preußen und Braunschweig), die nach dem Sieg über Frankreich jegliche zivilisatorischen Errungenschaften der französischen Zeit wieder um Jahrzehnte zurückschraubte.
    Und es waren u.a. Studenten dieser völkischen Verbinderzirkel, die 1812 ff. beim reaktionären Rollback (euphemistisch als „deutsche Befreiungskriege“ bezeichnet) in de facto preußischen bzw. russischen Militärdiensten die bürgerlichen Freiheiten und Errungenschaften niedergeschlagen haben. Erbärmlich, wenn sich solche Gestalten anschließend hinstellen und verlogen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder gar eine Republik einfordern.

    Die Republik wurde übrigens erst im November 1918 von der bewaffneten Arbeiterklasse erkämpft. Und auch hier waren es wieder die Verbinder, die als Teilnehmer der Freicorps und Schwarzen Reichswehr diese Republik wieder blutig niederzuschlagen und ihre Monarchie zu restaurieren versuchten.

    Als auch diese Republik 1933 durch die Machtübertragung an die Nazis zerschlagen wurde, waren es eben diese antisemitischen und völkischen Verbinder, die zügig in führende Funktionen des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, der SS sowie des SD aufstiegen.

  20. apl sagt:

    Ich begrüße deinen Elan, ret.
    Ist auch wirklich interessant was du schreibst und eine Erörterung der historischen Korrektheit (weil ich Laie bin, nicht weil ich mir nicht gut vorstellen kann, dass du Recht hast) fänd ich auch sehr spannend.

    Allerdings passiert doch an dieser Stelle eh wieder was meistens passiert: Die historische Korrektheit wird mehr oder minder versiert bezweifelt, eine Rechtfertigung eingefordert – oder wenn sehr wenig versiert, einfach eine Beleidigung ausgestoßen.

    Niemandem hier ist im nun Folgenden, in egal welchem Fall, wirklich geholfen, weil wer sich nicht en detail damit befasst hat, das historische Hintergrundwissen nicht einordnen und ggf. schlagkräftig vertreten kann, der Verbinder wie eigentlich alle Leute in online-Diskussionen nur rumtrollt und gar nicht willens ist seine Einstellung zu ändern und schließlich einige Leute gar keine Notwendigkeit sehen sich mit dieser Argumentation auseinanderzusetzen, weil Verbindungen völlig unabhängig von ihrer Vergangenheit, wie auch immer sie nun sei, ein Hort von Kackvögeln sind. (Und manche einfach alles was marxistisch klingt kacke finden.)

    Den letzten ungeklammerten Punkt kann man hinterfragen, ob man deswegen wirklich nicht auch die sachlich-historische Bildung für eine politische Bildung braucht (die schiere Empörung also die Theorie ersetzen kann), aber diese Diskussion in einem Internetforum ist imo nicht zielführend, weil sie aufgrund ihrer Tendenz Weltbilder und Selbstentwürfe zu berühren über ein solches Medium nicht sinnvoll geführt werden kann.

    Also wenn es euch Freude bereitet euch hier auszubreiten, do as you please. Ich seh nur nicht warum.

  21. Die Mitte verteidigen! sagt:

    „Die Republik wurde übrigens erst im November 1918 von der bewaffneten Arbeiterklasse erkämpft.“ Wenn der ehemalige Reispräsident Ebert das hören würde…

  22. retmarut sagt:

    @ DieMitteverteidigen: „Wenn der ehemalige Rei[ch]spräsident Ebert das hören würde…“

    Nun, der hat sich bekanntlich den alten Kaiser zurückgewünscht. Es war ja nicht die MSPD, die die Revolution gemacht und die Monarchie gestürzt hat. Die Führer der MSPD gehörten vielmehr zu denen, die von Beginn an in Kooperation mit den Freikorps und der Reichswehrführung die fortschrittlichen Linkskräfte niedergemetzelt haben.

  23. raks sagt:

    @ retmarut: Du stellst die Frage nach der Freiheit erneut. Gut. Die Frage ist auch 2011 aktuell.
    Die Antwort ist bereits gegeben: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.
    Rosa Luxemburg, Berlin 1920

  24. Klostein sagt:

    Kommt mir bekannt vor… „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“

  25. retmarut sagt:

    @ raks: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“

    Kennst Du auch den Rest der Luxemburg-Schrift „Zur russischen Revolution“ (der Text ist übrigens nicht von 1920 sondern von 1918, lieber raks)?. ( http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/russrev/ ) Sie ist zuallerst eine Solidaritätsbekundung Rosa Luxemburgs für die Oktoberrevolution 1917 und die Bolschewiki, ein klares Bekenntnis für den Kampf des revolutionären Proletariats in Russland.

    Rosa Luxemburg:
    „Die Bolschewiki haben auch sofort als Zweck dieser Machtergreifung das ganze und weitgehendste revolutionäre Programm aufgestellt: nicht etwa Sicherung der bürgerlichen Demokratie, sondern Diktatur des Proletariats zum Zwecke der Verwirklichung des Sozialismus. Sie haben sich damit das unvergängliche geschichtliche Verdienst erworben, zum erstenmal die Endziele des Sozialismus als unmittelbares Programm der praktischen Politik zu proklamieren.

    Was eine Partei in geschichtlicher Stunde an Mut, Tatkraft, revolutionärem Weitblick und Konsequenz aufzubringen vermag, das haben Lenin, Trotzki und Genossen vollauf geleistet. Die ganze revolutionäre Ehre und Aktionsfähigkeit, die der Sozialdemokratie im Westen gebrach, war in den Bolschewiki vertreten. Ihr Oktober-Aufstand war nicht nur eine tatsächliche Rettung für die russische Revolution, sondern auch eine Ehrenrettung des internationalen Sozialismus.“

    Luxemburg stellt sich in ihrem Text hinter die Diktatur des Proletariats (also die Herrschaft der Arbeiterklasse zur Niederhaltung der Bourgeoisie). Die Freiheit, die sie einfordert, ist eben nicht die freie Betätigung konterrevolutionärer, bürgerlicher Gruppen (z.B. irgendwelcher völkischer Verbinder oder anderer reaktionärer Kräfte), sondern die freie Betätigung sozialistischer/proletarischer Organisationen. Sie argumentiert dabei, dass die breiten Arbeiter- und Bauernmassen nur dadurch auf dem revolutionären Prozess mitgenommen werden könnten, wenn sie selbst Raum und Möglichkeit haben, ihre eigenen Erfahrungen und tastenden Zwischenschritte zu machen.

    Wie schon eingangs gesagt: Beim Begriff Freiheit sollte immer nachgehakt werden, nämlich 1. Freiheit wovon und 2. Freiheit für wen. Luxemburg hat dies in ihrem Text klar beantwortet. Es lohnt sich, den Text also vollständig zu lesen statt sich einzelne Passagen rauszupicken und diese mit halbgaren Interpretationen zu garnieren.

    PS: Es wirkt stets sehr lächerlich, wenn Rechte Luxemburg anführen. Besonders grotesk wird es, wenn sie zudem aus der Traditionslinie derjenigen stammen, die den Mord an Luxemburg und Liebknecht verübt haben.

  26. Die Mitte verteidigen! sagt:

    „Besonders grotesk wird es, wenn sie zudem aus der Traditionslinie derjenigen stammen, die den Mord an Luxemburg und Liebknecht verübt haben.“ Mindestens!

    PS: In welchem Kontext ist eigentlich der Begriff der „Ehre“ bei Dir zu verstehen ( im 4. Absatz)? Ich dachte, das wäre etwas sehr schmuddeliges ?

  27. retmarut sagt:

    @ DieMitteverteidigen: Wenn das Dein ganzer Beitrag zur Sache ist: Sehr mau!

    Zwischen einem bürgerlichen Ehrbegriff (insb. wenn sie wie bei euch mit völkischem Geschwurbel eingekleidet wird) und einem proletarischen Ehrbegriff liegen Welten, liegen Klassen.

    „Meine Herren, wenn der Oberstaatsanwalt auch Ehrverlust beantragt hat, so erkläre ich: Ihre Ehre ist nicht meine Ehre. Denn uns trennen Weltanschauungen, uns trennen Klassen. […] Als Kämpfer habe ich gelebt, und als Kämpfer werde ich sterben mit den letzten Worten: ‚Es lebe der Kommunismus!'“

    Etkar André, kommunistischer Abgeordneter der Hamburger Bügerschaft, in seinem Schlusswort im Prozess am 10.07.1936 vor dem faschistischen Hamburger Oberlandesgericht, das ihn trotz internationaler Proteste zum Tode verurteilte. Am 04.11.1936 wurde der aufrechte Kommunist und Antifaschist mittels Schafott im Hamburger Untersuchungsgefängnis hingerichtet.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Etkar_Andr%C3%A9

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