Sa. 10.3.: Demonstration zum Frauenkampftag
von am 5. März 2012 veröffentlicht in Demonstration, Termine

Zwei Tage nach dem 101. Frauenkampftag soll es in Göttingen eine Demo dazu geben. Hier der Aufruf:

It hits you like a boomerang

Gegen alltäglichen Sexismus

Egal wie sehr wir uns bemühen, Sexismus von uns wegzustoßen, zu bekämpfen
oder zu zerschlagen, Sexismus formiert immer wieder auf´s neue! Sieht vielleicht schicker aus, neue Farbe, neue Form und trotzdem bleibt es derselbe Mist! Sexismus verhält sich wie ein Boomerang, Sexismus kommt immer wieder zurück.

Sexismus trifft uns tagtäglich auf unterschiedlichste Weise: Mal tritt
Sexismus uns mit genauen Vorstellungen davon entgegen, wie wir uns als vermeintliche Frauen zu verhalten haben und wie wir dabei aussehen sollen. An anderen Stellen ordnet Sexismus uns an, welcher Arbeit wir nachgehen können und welcher nicht. Sexismus macht nicht halt davor uns vorzuschreiben, wen wir zu lieben haben und wie. Sexismus bestimmt, wo wir uns frei bewegen und wohlfühlen können und wo nicht. Sexismus beeinflusst sogar, wie andere uns begegnen. Durch Sexismus scheint es eindeutig zu
sein, wie wir behandelt werden dürfen und welche Aufgaben uns in dieser
Gesellschaft zugeteilt werden.

Bereits vor der Geburt teilt uns der Heterosexismus in männlich oder weiblich ein. Alternative Geschlechtsmodelle kommen nicht vor. Das männliche Geschlecht wird aufgewertet, das weibliche abgewertet. Als Kinder sagt uns Sexismus, dass wir nicht „mädchenhaft“ genug seien, wenn wir laut sind, spucken, in den Dreck springen und lieber mit anderen raufen als mit Puppen zu spielen. Durch Kinderbücher und filme vermittelt Sexismus uns, dass wir Prinzessinnen sind, die auf ihren Prinzen zu warten haben. Und wenn wir ein Kopftuch tragen, sorgt Sexismus zusammen mit Rassismus dafür,
dass wir als ungebildet und unterdrückt gelten.

In der Familie, bei der Arbeit, in der Schule, bei der Politgruppe und zu
Hause sorgt Sexismus für die stillschweigende Erwartung, dass wir aufräumen, Kaffee kochen, putzen und für eine angenehme Atmosphäre sorgen. Wir sollen schlichten, trösten, aufmerksam sein und vor allem nicht zu „empfindlich“. Sexismus erlegt uns auf, uns schlecht oder unbezahlt zu engagieren, sozial verträglich zu sein und uns um alles und alle kümmern zu müssen. Wir sollen dadurch eine Gesellschaft stabilisieren, die ohne diese unbezahlte Reproduktions und Beziehungsarbeit zusammenbrechen würde.

In der schlimmsten Form tritt Sexismus uns als Übergriffe oder sexualisierte Gewalt entgegen. Im Durchschnitt erfährt jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt und jede zweite Frau wurde bereits sexuell belästigt. All das haben Generationen von Frauen, Lesben, Trans* und Queers vor uns kritisiert und bekämpft. Doch Sexismus ist verdammt hartnäckig.

So bekommen wir, als Frauen, Lesben, Trans* und Queers, diesen sexistischen
Normalzustand immer noch zu spüren. Wir haben es immer noch schwerer eine
Wohnung zu bekommen, als ein HeteroPärchen mit oder ohne Kind. Wenn wir uns Freiräume erkämpfen wollen, in denen wir uns eine kurze Pause von der sexistischen Kackscheiße gönnen können, stoßen wir auf massiven Widerstand. Zum Beispiel sind FrauenLesbenTrans*Abende in Kneipen immer in Gefahr abgeschafft zu werden. Vereine, die sich für unsere Belange einsetzen sind davon bedroht, kaputt gekürzt zu werden.

Sexismus begreifen wir als ein gesellschaftliches Verhältnis, das auf
institutioneller, struktureller, kultureller und individueller Ebene verankert ist. Sexismus tritt nicht alleine auf, sondern immer zusammen mit Rassismus, Klassismus, Ableism (Diskriminierung aufgrund von körperlicher oder geistiger Behinderung) und anderen Diskriminierungsverhältnissen.

Und weil wir auf diesen ganzen Mist immer noch keinen Bock haben, für ein
selbstbestimmtes Leben kämpfen und Menschen in ihrer Vielfalt feiern, deshalb sind wir Feminist*innen.

Gemeinsam kämpfen wir wieder und andauernd in der Tradition des
Frauenkampftages gegen den sexistischen Normalzustand und für den Feminismus! Lasst uns gemeinsam den Boomerang Sexismus zerstören!

Kommt zur Demo am 10.03.2012 um 14 Uhr am Gänseliesel.

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19 Kommentare auf "Sa. 10.3.: Demonstration zum Frauenkampftag"

  1. la belle critique sagt:

    „Und wenn wir ein Kopftuch tragen, sorgt Sexismus zusammen mit Rassismus dafür,
    dass wir als ungebildet und unterdrückt gelten.“
    Die Kritik des Kopftuches und der frauenfeindlichen Sexualmoral des Islam soll also rassistisch und sexistisch sein?

  2. Bolschewik sagt:

    Flyer der SDAJ Göttingen zum Internationalen Frauenkampftag
    http://sdajgoettingen.blogsport.de/2012/03/06/frauentag/

  3. „Die Kopftuchdebatte in Deutschland? – Scheiße!“ Mehr dazu im Interview der A.L.I. mit einer iranischen Genossin der Frauengruppe 8. März:
    http://www.inventati.org/ali/index.php?option=com_content&view=article&id=1154:broschuere-qfight-sexism-and-racismq&catid=35:gendertrouble&Itemid=65#iran

  4. Clara sagt:

    @ la belle critique: Also ich lese da nur, dass es rassistisch und sexistisch ist Frauen die Kopftuch tragen automatisch zuzuschreiben sie seien ungebildet und unterdrückt. Wo steht denn da, dass jede Kritik an Kopftuch und Islam rassistisch und sexistisch ist?

    Um eine emazipatorische Position jenseits von „gut“ und „böse“ bemüht sich der Text der Gruppe sinistra. Find ich in diesem Zus

  5. Clara sagt:

    -ammenhang lesenswert ; ).

  6. retmarut sagt:

    Schade, dass sich der gesamte Demo-Aufruf inhaltlich auf einer idealistischen Argumentation gründet, somit lediglich in Ideologiekritik abtaucht. Eine solche Kritik bleibt notwendigerweise zahn- und ziellos. Übrig bleibt somit im Kern rein identitäre Politik, in der es letztlich nur noch darum geht „Freiräume [zu] erkämpfen […], in denen wir uns eine kurze Pause von der sexistischen Kackscheiße gönnen können“. Analyse der hiesigen Gesellschaft? – Fehlanzeige.

    Zwar blitzt am Ende des Textes noch kurz der Satz: „Sexismus begreifen wir als ein gesellschaftliches Verhältnis […]“ auf, doch statt dieses gesellschaftliche Verhältnis genauer zu betrachten, verläuft sich der Aufruf wieder in stumpfer (d.h. wirkungsloser) Ideologiekritik an „Diskriminierungsverhältnissen“. Eine materialistische Betrachtung der Unterdrückung der Frau wird im Aufruf erstaunlicherweise völlig ausgeblendet.

    Spielt denn die ökonomische Unterdrückung der Frau in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft etwa keine Rolle mehr? Sind es nicht gerade Frauen, die in den schlechtbezahltesten Lohnsegmenten arbeiten? Gibt es nicht einen eklatanten Gender Wage Gap zwischen Frauen und Männern in Deutschland? Warum sind arbeitende Frauen, erst recht alleinerziehende, in diesem Land im Durchschnitt stärker von Armut bedroht als ihre männlichen Klassengenossen? Sollte das alles nicht in einem solchen Aufruf an prominenter Stelle auftauchen?
    Ist die Klassenfrage und der ökonomische Kampf etwa nur ein Nebenwiderspruch?

    „Doch Sexismus ist verdammt hartnäckig.“ – Eigentlich war mensch in der Analyse mal wesentlich weiter als der zornige Aufruftext. Eine der frühen Kämpferinnen der sozialistischen Frauenbewegung, Clara Zetkin, hatte bereits 1889 bei der Gründung der II. Internationale in ihrem Hauptreferat „Für die Befreiung der Frau“ beispielsweise dargelegt:
    „Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechts durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Die unerläßliche Bedingung für diese ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit.“

    Soll das heute veraltet sein? Reduziert sich Sexismus wirklich nur auf die Oberflächenerscheinung von Gewalt/Diskriminierung gegen Frauen oder einer „stillschweigende[n] Erwartung, dass wir aufräumen, Kaffee kochen, putzen und für eine angenehme Atmosphäre sorgen.“ – Beruht die Unterdrückung der Frau wirklich nur auf falschem Bewusstsein, wo das „männliche Geschlecht […] aufgewertet, das weibliche abgewertet“ wird? Oder sind es nicht viel eher handfeste ökonomische Gründe, auf die dieses herrschende Bewusstsein aufsattelt?
    Kann Sexismus überhaupt aufgehoben werden ohne das Privateigentum an Produktionsmitteln mit aufzuheben? Oder anders gefragt: Kann es eine Befreiung der Frau geben ohne gleichzeitige Befreiung der Arbeiterklasse?

    Auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen, am 27. August 1910, wurde von Clara Zetkin, Käte Duncker und anderen nachfolgende Resolution verabschiedet, mit der die Tradition des 8. März bewusst als internationalem Kampftag der proletarischen Frauenbewegung gegründet wurde. Es kann nicht schaden, sich das ab und zu mal wieder ins Bewusstsein zu rufen, um nicht auf identitäre Holzwege zu geraten:

    „Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. Die Forderung muss in ihrem Zusammenhang mit der ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß beleuchtet werden. Der Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

  7. Harvey sagt:

    Hm, gute Frage. Da wir an dieser Stelle eh schon in den semantischen Details sind, würde ich sagen: das wäre dann der Fall, wenn die Prozesse trennbar wären. Setzen wir mal voraus, dass der Rest der Thesen soweit passt und zumindest „Freiheit der Frau“ gleichzeitig „Freiheit der Arbeiterklasse“ bedeutet. Dann wären die Prozesse, also die „Befreiungen“ dann trennbar, wenn sie iterativ geschehen und die Schritte unterschiedlich sind. Dann herrscht zumindest Trennbarkeit, bis irgendwann das Ergebnis da ist (bei dem dann ja, so eine andere These das eine wieder das andere impliziert). So. Und was bedeutet der doch etwas trockene Theoriedurchlauf? Vielleicht kommt am Ende dasselbe dabei heraus, aber die Wege dahin können unterschiedlich sein. Ist dann nur noch ne Frage, ob man das alles objektiv ex post nach der Revolution anguckt, oder doch eher jetzt darauf schaut, warum politische Bewegungen nun gerade was machen.
    Naja, da kommt jetzt ins Spiel, dass du den Aufruf zahnlos (dazu möchte ich nichts sagen, zahnlos sind je nach Perspektive ne Menge Aufrufe…) und ziellos nennst. Und um nun endlich auf den Punkt zu kommen: Ich finde den Aufruf nicht ziellos. Er benennt doch ziemlich klar, wogegen er sich richtet. Das ist, zugegeben, nicht explizit die Unterdrückung der Arbeiterklasse. Aber taugt da nicht die von dir zitierte konsequente These umgekehrt auch für die Gegner dieser Unterdrückung, sich antisexistisch im Sinne des Aufrufs zu engagieren?

    Solange man über Ursache und Wirkung streitet (oder gar damit längst unentschieden aufgehört hat), ist es doch aber kein Problem, sich gemeinsam gegen beide Phänomene unabhängig des Wirkungszusammenhangs zu stellen, oder?

  8. retmarut sagt:

    @Harvey:
    Meine solidarische Kritik an dem Aufruf lässt sich in zwei Punkten fassen:

    1. Identitäre Politik führt auf kurz oder lang in die Sackgasse. Die ökonomische Unterdrückung der Frau im Kapitalismus und die Klassenfrage sollten in einem solchen Aufruf zumindest mal irgendwo benannt werden. Wer hingegen die materiellen Ursachen von Sexismus im bürgerlichen Gesellschaftssystem ausblendet und sich allein an diversen Oberflächenphänomenen abarbeitet, findet nicht zu Hebeln, die Unterdrückung von Frauen aufzuheben. Dann verbleibt mensch wirklich nur in der „kein Bock auf Kack-Scheiße“-Attitüde und endet letztlich in subjektiver Moralsoße.

    Du schreibst: „Ich finde den Aufruf nicht ziellos. Er benennt doch ziemlich klar, wogegen er sich richtet.“ – Ja, wogegen er sich richtet, wird in verschiedenen Facetten aufgezeigt, aber nicht a) wie die Perspektive zur Überwindung des Sexismus ausschaut und b) was konkrete Handlungsoptionen auf diesem Wege sind. Daher meine Anmerkung, dass der Aufruf a) ziellos und b) zahnlos sei. Der Aufruf verbleibt auf der zornigen Ebene des Unmuts.

    2. Wer sich auf den 8. März bezieht, sollte in einem Aufruf zumindest benennen, dass es der revolutionäre Flügel der Arbeiterbewegung war, der diesen internationalen Kampftag 1910 eingeführt hat und dass dieser Kampftag auf die Perspektive Sozialismus ausgerichtet ist. Die Frauenfrage ist eben auch eine Klassenfrage und kann nicht losgelöst davon betrachtet werden. Daher mein Verweis auf den Resolutionstext der Kopenhagener Konferenz.

    PS: Es geht übrigens auch nicht um abstrakte Freiheit („Freiheit der Frau“ bzw. „Freiheit der Arbeiterklasse“), sondern um einen Prozess der Selbstbefreiung von etwas. Das ist schon ein gewisser Unterschied.

  9. Bolschewik sagt:

    Ich beginne mal mit Lob für den Aufruf und überhaupt die Bereitschaft, was zum 8. März zu machen. Das kriegen wir – Kommunistinnen und Kommunisten – manchmal nicht hin. Der Aufruf bietet eine gute Grundlage für die Beschreibung der Situation vieler Frauen in der BRD wie Sie aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuschreibung gesamtgesellschaftlichen Rollen zugedrückt bekommen, die nicht hinnehmbar sind. Der Aufruf versucht gleichzeitig eine Verbindung zu weiteren Formen der Diskriminierung gegenüber Menschen muslimischen Hintergrund, sexuellen Orientierung, Behinderung, etc. Diese Vernetzung der Kämpfe ist durch und durch wünschenswert und sollte nicht vernachlässigt werden.
    Der Aufruf beschränkt sich auf die Ebene „(Teil-)Beschreibung“ von Alltagszustände vieler Frauen. Soweit so gut, ein Aufruf solle nicht immer eine Analyse der Gesellschaft hinauslaufen. In Zeiten der Vorherrhschaft der Reaktion ist es wünschenswert auf aktuelle Debatten in der Gesamtgesellschaft einzugehen, unmittelbaren Gefahrsituationen tiefer einzugehen und daraus eine konkrete Handlungsvorhaben aufzuzeigen. In Göttingen ist zum Beispiel: Von sogenannten Zukunftsvertrag bestimmte Frauenprojekte unter Beschuss der Sozialräuber geraten. Oder die Erhöhung von Kita-Gebühren, dies betrifft ja auch in erster Linie Frauen. Es gibt aber auch natürlich weitere Angriffe auf die Frauen in der BRD, die gilt es abzuwehren.

    Die Kritik ist natürlich keine Klugscheißerei und stellt die Unabhängigkeit der Macherinnen des Aufrufes nicht in Frage, sondern ist im Sinne der Stärkung der Stellung der Frau in der Gesellschaft zu deuten, also hoffentlich solidarisch zu verstehenden Kritik.

    Eine grundsätzliche Kritik wurde bereits von retmarut geäußert, sie ist richtig. Aber diese Kritik vernachlässigt die Tatsache, dass die „retmarutsche“ Konzeption und die Macherinnen-Konzeption zwei entgegengesetzte Konzeptionen ungerechterweise vergleicht. Die eine ist die Konzeption der kommunistischen Frauenbewegung mit dem Kampf um den Sozialismus, die andere setzt den Kampf für den Sozialismus bzw. Überwindung des Kapitalismus nicht voraus. Daraus folgt, dass die zweite Konzeption keine ökonomische Analyse oder Analyse der Gesellschaft benötigt.

  10. retmarut sagt:

    Andernorts wird die ökonomische Frage in den Fokus der Frauenbewegung gestellt, so z.B. in Brasilien, wo Frauen- und Arbeiterbewegung gemeinsam für die ökonomische Gleichstellung von Frau und Mann eintreten. Wenn das in einem Schwellenland wie Brasilien auf die Tagesordnung gesetzt werden kann, sollte das im imperialistischen Deutschland doch erst recht auf die Agenda gebracht werden. Damit würde die Frauenbewegung auch wieder engeren Anschluss an reale gewerkschaftliche Kämpfe bekommen und nicht mehr nur zwischen rein identitärer Nischenpolitik auf der einen und bürgerlich-elitärer „Frauenquote in den Führungsetagen“auf der anderen Seite herumpendeln.

    „DeutschlandRadio, 8. März 2012:
    Gleiche Bezahlung für Frauen: Brasilien will gerechten Lohn per Gesetz sicherstellen

    Brasilien will mit einem Gesetz erreichen, dass Frauen den gleichen Lohn bekommen wie ihre männlichen Kollegen.
    Ein entsprechender Entwurf bekam die Zustimmung des Menschenrechtsausschusses im brasilianischen Senat. Er sieht vor, dass Unternehmen künftig eine Strafe zahlen müssen, wenn sie Frauen ungerecht bezahlen. Nach Daten der Statistikbehörde in Brasilien verdienten Frauen im vergangenen Jahr fast 30 Prozent weniger als Männer.“

  11. Bolschewik sagt:

    Retmarut, „Frauen sind nicht alle Gleich“ hieß es aus kommunistischen Reihen vor sehr wenigen Jahre zum 8. März. Sehr richtig! Entsprechend kann es heißen: „Frauenbewegungen sind nicht alle Gleich!“, die Trennung hast du bereits genannt und wo die Grenze zwischen diese Frauenbewegungen ist, dürfte dir bekannt sein. Aber um trotzdem Grenzübergänge zu ermöglichen und zu machen, gilt es folgendes zu sagen.

    Die ökonomische Frage ist der zentrale Hebel für die in den Aufruf erwähnten Probleme zu beantworten. Die ökonomische Lage der Frau erschwert es die Geschlecherklischees aufzubrechen. Eine Frau mit Kind, die Mini-Job hat und vllt. auch noch wenigen hundert Euro in den Tasche hat, besitzt keine Durchsetzungsmacht gegenüber finanziell unabhängigen Mann. Darum gilt es für Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit zu kämpfen, um bessere Jobs für die Frauen zu ermöglichen und so ihre Durchsetzungsmacht zu erweitern, sich vom Mann ökonomisch und letztendlich ideologisch unabhängig zu machen. Bessere Löhne und Arbeitszeitsverkürzung für Alle, gewerkschaftlichen Themen, sind von großer Bedeutung für die Verbesserung der Lage der Frau in der Gesellschaft.

  12. tocoff3 sagt:

    Warum steht im Text nichts darüber, dass auch Männer unter Sexismus leiden? Diese Stelle zum Beispiel: „So bekommen wir, als Frauen, Lesben, Trans* und Queers, diesen sexistischen Normalzustand immer noch zu spüren.“ Auch ich – der ich nun mal männlichen Geschlechtes bin und mich daher als Mann bezeichne ohne das als Rollenbezeichnung aufzufassen – bekomme doch diese Sollzustände, Formen der Behandlung wie auch Stigmatisierungen zu spüren. Habe ich da irgendetwas nicht verstanden? Geht Sexismus per Definition nur von einem Geschlecht aus??? Wenn ja, dann plädiere ich für einen abgewandelten Begriff, der jegliche Rollenzuschreibungen auf Grund des Geschlechts beinhaltet. Hier in dem Text macht den Eindruck, als würde jeglicher Sexismus nur von Männern ausgehen. Das finde ich unfair! Zum Beispiel, können Männer sich zum Teil nicht rechtfertigungsfrei dafür Entscheiden zu Hause zu bleiben um sich um die Erziehung der Kinder zu kümmern. Es geht doch nicht nur um die eine Seite! An diesem Besonderen Tag, mag ich es einsehen, das „die Frau“ im perspektivischen Mittelpunkt steht, im Allgemeinen finde ich allerdings, das das Leid der Männer in dieser Diskussion nicht Vergessen werden darf!

  13. retmarut sagt:

    Als kurze inhaltliche Ergänzung und Anregung, die ökonomische und soziale Lage der Frau im Aufruf 2013 in den Mittelpunkt zu stellen:

    „Fakten zur sozialen Lage – Fakten zum Frauentag

    15,8 Millionen Frauen gehen in die Arbeit, fast so viele wie Männer. Frauen sind aber überproportional in den unteren Lohn­gruppen anzutreffen. Von den weiblichen Arbeitskräften bekommt gut ein Drittel lediglich Stundenlöhne von weniger als 10 Euro; der Anteil ist doppelt so hoch wie bei den Männern. 5 Prozent der erwerbstätigen Frauen verdienen keine 5 Euro je Stunde.
    Arbeitnehmerinnen bekommen im Schnitt nach wie vor fast ein Viertel weniger Gehalt als ihre Kollegen. 2009 lagen die Stun­denverdienste unverändert 23,2 Prozent auseinander – EU-weit sind es 17,1 Prozent, Tendenz fallend. Nur ein Teil der Differenz bei den Löhnen lässt sich durch unter­schiedliche Qualifikation, Berufserfahrung oder Branchenzugehörigkeit erklären, so die Sachverständigenkommission in ihrem Gutachten für den Ersten Gleichstellungs­bericht der Bundesregierung. „Nach wie vor umfasst die Lohnlücke auch einen (…) Anteil an Diskriminierung.“
    Im Schnitt besaßen Männer in Deutschland im Jahre 2007 gut 108.000 Euro – 38.000 Euro mehr als Frauen. Seit 2002 hat sich die Vermögensschere zwischen den Ge­schlechtern weiter vergrößert. Damals hatte der durchschnittliche Mann rund 23.000 Euro mehr.
    Doch der durchschnittliche Mann mit seinen 108.000 Euro Vermögen ist nur eine statistische Größe, die wenig mit dem realen Leben der lohnabhängigen Männer und Frauen zu tun hat. Denn die unteren 6 Zehntel, also die Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung, ob Mann oder Frau, besitzt nur ein sehr geringes oder kein Vermögen bzw. hat sogar Schulden. Wer jedoch dem reichsten Zehntel ange­hört, das über 61 Prozent des gesamten Vermögens in der BRD verfügt, kann sich auf durchschnittlich mindestens 222.295 Euro Vermögen ausruhen.
    Um diese Verhältnisse zu bekämpfen brauchen wir gleiche Bedingungen, glei­che Rechte. Denn gleichberechtigt kämpft sich besser!“

    aus: Auf Draht (Zeitung der DKP München und der Gruppe KAZ) vom 06.03.2012

  14. PaS sagt:

    Was bisher in den Kommentaren zu lesen ist, nehme ich als Verschiebung war. Ich finde es gut Kritik zu äussern, und ich empfinde sie auch nicht völlig unberechtigt, der Fokus lag nicht innerhalb von Verteilungsgerechtigkeit oder Kapitalismus abschaffen. Nun aber meine Kritik an der Kritik. Am Ende lese ich nur noch ökonomische Gleichstellung und Kapitalismus abschaffen. War das Euer Ziel an der Kritik? Sexismus allein auf kapitalistische und ökonomische Verhältnisse runter zu brechen ?
    Ich glaube nicht, aber es wirkt gerade so. Und dieses Wirken der Kritik , oder wie es bei mir ankommt, finde ich schade.

    PS.: Und von Homo* oder Transsachen ist bei Euch gar nichts zu lesen, und hier blenden mal wieder irgendwelche Kommunist*innen mal andere Verhältnisse klassisch aus, die auch was mit dem Patriachat zu tun haben. Da waren wir doch, rhetorischer Einschub, auch schon mal weiter!

  15. PaS sagt:

    Die Wirkung der Kommentare auf mich, ist das was die Kommentator*innen demAufruf vorwerfen. Sie machen etwas zum Hauptwiderspruch. Und blenden mal ebenso alle anderen Sachen aus. Als Nebeneffekt fallen andere Betroffene vom Patriachat ebenso mal einfach weg. Eine so vermeintlich „solidarische“ Kritik nehme ich weder an , noch ist sie konstruktiv. Da ist der Feminismus viel viel weiter.
    Es gibt einen Sexismus der ökonomischl legetimiert wird , gleichzeitig gibt es sexistische Zustände die eben nicht durch gleichen Lohn für alle Arbeit aufgehoben werden. Ich frage mich warum es manche nicht aushalten können , wenn der Fokus mal auf dem letzteren liegt.

  16. retmarut sagt:

    @ PaS: Ich kann ja nur für mich und die von mir vorgetragene Kritik sprechen. Die war solidarisch gemeint.
    Ich denke, es dürfte klar sein, dass mensch in jeder konkreten gesellschaftlichen Situation den jeweiligen Hauptwiderspruch herausfinden sollte, um den in den Mittelpunkt zu stellen. Das heisst nicht, dass alle anderen Widersprüche nicht auch kritisiert werden müssten, die sind ja keineswegs obsolet! Nur ist doch die Frage stets: Wohin geht die Hauptstoßrichtung, was ist der Hebel, wie kann mensch die gesellschaftliche Situation am nachhaltigsten im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts verbessern?
    So etwas sollte gemeinsam diskutiert werden, jenseits identitärer Schablonen.

    Ein Feminismus, auch als Transgender- oder Queer-Feminismus, der sich primär in identitären Sphären bewegt, wird gesellschaftlich notgedrungen marginal bleiben. Und das liegt meines Erachtens nicht nur an idealistischen/utopistischen Vorstellungen, die da mit reinfließen, sondern v.a. weil die politische Stoßrichtung falsch gesetzt wird. Ohne ökonomische (Selbst)befreiung der Frau wird auch die soziale (Selbst)befreiung (d.h. Emanzipation) der Frau nicht weiter vorankommen; und das erfordert in der Tat auch eine Auseinandersetzung mit einem wie auch immer zu verortenden Klassenstandpunkt.

  17. Rotunde sagt:

    Zu eurem zahn- und harmlosen Aufruf:

    „Sexismus formiert immer wieder auf´s neue“ –
    na klar, wenn man wie in Teilen Freudscher Psychologie die Aggression als einen Grundtrieb des Menschen annimmt und jeder Aggression eine sexuelle Stoßrichtung unterstellt, dann kann mensch zu so einer Aussage kommen. Und klar ändern sich die Formen, d.h. ‚natürlich’ die Herrschaftsformen. Wir leben ja auch in einer Gesellschaft, deren oberstes Prinzip die Verwertbarkeit (auch) von Formen ist und in der dieses Prinzip in modernen Demokratien durch verinnerlichten Zweckgehorsam durchgesetzt wird.

    „Sexismus tritt uns mit genauen Vorstellungen davon entgegen, wie wir uns als vermeintliche Frauen zu verhalten haben …“
    Ja, ja, … der größte Sexismus ist die Mutterliebe, die die für die spätere Karriere passende Zurichtung der sexuellen Identität schafft!
    Und ‚natürlich’ kommen die ihr folgenden Sozialisationsinstanzen einer Universitätsstadt mit genauen Vorstellungen für ein angemessenes Reproduktionsverhalten daher: Teil dessen ist insbesondere der ‚Schutz der Unschuld’!

    Da im Kapitalismus die Geldwerte schaffende Arbeit ganz überwiegend entfremdete Arbeit für andere ist, müssen die Instanzen, die das im Arbeitsprozess auseinander gerissene Individuum wieder zusammenführen ganz außerordentlich stark sein! Zur Vermittlung einer ‚heilen Welt’ wird ‚Frauenarbeit’ benötigt, die per definitionem unhinterfragbar ist, weil sie zu einer biologischen Eigenschaft erklärt wurde.
    Die Notwendigkeit dieser Art Arbeit ist so stark, das die Gesellschaft alle möglichen Instanzen aktiviert um ihren „typischen“ Charakter beibehalten zu können, wie im Aufruf in der Folge auch richtig beschrieben.

    Weil der Aufruf aber Aggression und Zurichtung mit Sexismus gleichsetzt hat er zwar einen sympathischen anarchischen Zug – er bleibt aber auch relativ zahm, weil er dann in einem Rundumschlag endet.

    Gerade die Instanzen, die die eigene Betroffenheit besonders sichtbar werden lassen könnten sind ausgespart, wie z.B. die informellen Autoritäten, die in den jugendlich studentischen Milieus Göttingens die richtigen, das heißt: die hier angesagten Grenzen der Moral bestimmen und durchsetzen!

  18. apl sagt:

    „da ist der Feminismus viel viel weiter“
    Ich find es immer wieder erstaunlich, wie persönliche Meinungen flugs zum „Stand der Debatte“ oder so erklärt werden. Das mal nur so als Kommentar zum Kommentar ohne Bezug zur Diskussion.

  19. Bolschewik sagt:

    Eben nicht, aber die Veränderung der ökonomische Verhältnisse ermöglicht weitgehende Forderungen durchzusetzen, die nicht primär ökonomischer Natur (nicht Basis, sondern Überbau) sind. Eine werktätige Frau mit gleichen Lohn wie dem Mann kann nicht einfach in Hausarbeit und entsprechenden Rollen gesteckt werden, da Sie ja ihren Beitrag nicht mehr als weniger bedeutend betrachtet werden kann und kann die Forderung nach Vergesellschaftung der Hausarbeit stellen. Leider wird immer noch die Frage nach Haupt- und Nebenwiderspruch missverstanden. Dabei besagt diese Frage folgendes: Ein Nebenwiderspruch kann erst gelöst werden, wenn der Hauptwiderspruch gelöst worden ist. Auf unserer Beispiel angewandt lautet das ganze: Kann die Frau innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise befreit werden?! Nein! Das ist im übrigen die Funktion von „Boomerang“ im Aufruf, es kommt immer wieder solange die Bedingungen dafür noch vorhanden ist. Hat man eine sozialistische Gesellschaft wird die Frauenbefreiung kein Selbstlauf. Auch dann wird noch ein Kampf für die völlige Befreiung der Frau geben, aber dann ist die gesellschaftlichen Voraussetzung seiner Lösung vorhanden. Meine Kritik richtet sich jedenfalls nicht ausschließlich zur ökonomischen Gleichstellung zwischen Mann und Frau, sondern darüber hinaus, z.B. Fragen der Geschlechterrollen oder auch die Gewalt gegen Frauen. Gleichzeitig sage ich ausdrücklich, dass die Voraussetzung zur echten Überwindung der Geschlechterrollen in der Ökonomie liegt, ohne ein Selbstläufer zu entwickeln und somit ergibt sich auch die Notwendigkeit für uns (Kommies) über Fragen bspw. der Geschlechterrollen auseinanderzusetzen.

    Zur Frage von Homo- und Transsexuellen kann ich eben nicht viel sagen, ich kann die bisherigen Forderungen der demokratischen und kommunistischen Homo- und Transsexuellenbewegung mitfolgen und zustimmen. Aber mir fehlt eine tiefgreifende Hintergrundwissen, sodass ich hier nicht qualifiziert dazu schreiben kann.

    „Da ist der Feminismus viel viel weiter.“
    Das ist schön für den Feminismus. Aber bitte merken, dass nicht alle den Feminismus befürworten noch ist der Feminismus „homogen“. Es gibt konsverativer, rechter, linker, liberalen, radikalen Feminismus und andere Formen. Ansonsten sehe ich mich in Tradition der proletarisch-revolutionären („kommunistischen“) Frauenbewegung und nicht „den“ Feminismus.

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