Schädlingsbefall soll Grund für Umsiedlung sein.

Willkommenskultur im Abseits
von am 17. Mai 2016 veröffentlicht in Titelstory
Das Eingangstor der Massenunterkunft auf der Siekhöhe. Die ehemalige Lagerhalle hat keine Fenster, das Gelände ist umringt von einem Zaun. Foto: O.M.
Das Eingangstor der Massenunterkunft auf der Siekhöhe. Die ehemalige Lagerhalle hat keine Fenster, das Gelände ist umringt von einem Zaun. Foto: O.M.

In den nächsten Wochen und Monaten sollen kleinere Geflüchtetenunterkünfte in Göttingen geräumt und ihre Bewohner_innen auf die Siekhöhe ins Groner Gewerbegebiet umgesiedelt werden. Dadurch werden bereits bestehende „Willkommensstrukturen“ zunichte gemacht und eine Massenunterkunft mit Kontrollfunktion abseits des städtischen Lebens geschaffen. Ein Kommentar.

Not kennt kein Gebot – deswegen kann sich die Stadt Göttingen über Baurecht hinweg setzen und im Groner Gewerbegebiet (Siekhöhe, Anna-Vandenhoeck Ring 13) den Umbau einer Halle in eine Unterkunft für 400 Personen anordnen. Das war im Januar. Mittlerweile ist die Flucht entlang der Balkanroute durch die Schließung der Grenzen unterbunden, die erwarteten Zuweisungen von Geflüchteten in die Stadt Göttingen sind nie in ihrem vollen Ausmaß eingetroffen.

Nun wird Geflüchteten aus bestehenden Unterkünften wie der Großen Breite in Weende, dem Moritz-Jahn-Haus in Geismar, der Voigt-Schule in der Innenstadt und dem Weißen Haus am Hagenweg die Halle auf der Siekhöhe als neue Unterkunft, in nach oben offenen zwölf-Bett-Parzellen, zugewiesen. Der Einzug soll ab dem 17. Mai erfolgen. Die Begründung für die Umsiedlung ist Ungezieferbefall oder auch eine präventive „Untersuchung“ auf Schädlingsbefall.

Das Narrativ hinter der Schädlingsbekämpfung

Die Struktur des Umgangs mit dem Ungezieferbefall in den Flüchtlingsunterkünften zeigt ein Narrativ auf, das eine historische Tiefe besitzt, welche hier nur kurz angerissen werden soll. Krankheiten, Mikroorganismen, Schädlingsbefall – schon früh entwickelte sich in Zentraleuropa ein Verständnis von der Bekämpfung von Schädlingen, das mit einer starken Vorurteilsstruktur verbunden ist.

Schon während der Choleraepidemie der frühen 1830er Jahre wurde eine Meinung vertreten, die davon ausging, dass aus „dem Orient“ stammende Menschen die Cholera im Westen verbreiteten. Eine Ansteckungstheorie über die Menschen erschien glaubhafter als jene von lokalen sanitären Ursachen.

Das Blausäuregas Zyklon B wurde ab 1922 zunächst als Parasitenvernichtungsmittel verwendet. Seine heutige Bekanntheit entspringt allerdings der Verwendung in den Gaskammern der Konzentrationslager während des Nationalsozialismus. Die Feinde des Nationalsozialismus werden mit Schädlingen, Parasiten und Krankheitserregern gleichgesetzt und sich ihrer in „Desinfektionsduschen“ entledigt.

Beide Beispiele haben gemein, dass ihnen ein Weltbild zugrunde liegt, welches statt den Mensch als Träger einer Krankheit zu sehen, ihn mit dem Erreger gleichsetzt. So entsteht in diesem Narrativ die Verknüpfung von Menschengruppen als Verursacher von Krankheiten und Befall. Im Laufe der Zeit hat dieses sich zu einem rassistischen Plot entwickelt, und seine Ausschweifungen lassen sich in bestimmten Hygienepraktiken der Stadt erahnen.

Geflüchtete, die in die Massenunterkunft auf der Siekhöhe umgesiedelt werden, werden nicht wieder in ihre alten Unterkünfte zurück ziehen können, selbst wenn alle Unterkünfte in Göttingen frei von Ungeziefer wären. Dies liegt dem vorurteilsbehafteten Verständnis zugrunde, nach dem sie die Verursacher_innen von Schädlingsbefall sind und eine Schädlingsbekämpfung mit der „Beseitigung“ der Ursache einhergehen muss.

Ein weiteres rassistisches Handlungsmuster ist der bisherige Verzicht auf ein Gutachten einer Firma für Schädlingsbekämpfung. Der gesunde Menschenverstand und einfache Beobachtung reicht in Flüchtlingsunterkünften nämlich vollkommen aus, um einen Befall in seinem vollen Ausmaß zu erkennen.

Willkommenskultur? So nicht.

Es lässt sich erahnen, dass Geflüchtete massive Einschränkungen im Vergleich zu ihrem Leben in den dezentralen Unterkünften zu erwarten haben. Die nach oben offenen Parzellen mit bis zu 14 Betten lassen eine geschützte Privatsphäre nicht zu. Durch eine Essensausgabe wird ihnen nicht nur die Wahl ihres Essens genommen, sondern auch eine einheitliche Tagesstruktur vorgegeben, der sie Folge zu leisten haben. Von Selbstbestimmung und individueller Freiheit kann man hier nicht mehr sprechen.

Kontrolle und Disziplinierung sind Strategien, die schon in der Vergangenheit angewandt wurden, um Seuchen und Epidemien Herr zu werden. Einheitlich strukturierte Tagesabläufe sind eine einfache Methode, um gleichzeitig eine große Menschenmenge zu disziplinieren und Störfaktoren ausfindig zu machen.

Dagegen ist das Freizeitangebot auf der Siekhöhe ein Witz. Ohne vorher entstandenes ehrenamtliches Engagement stellt es eher einen Service dar, der die restriktive Natur der Unterkunft kaschieren soll, als ein Angebot, das das Potential zur Integration haben könnte.

Es bleibt zu fragen: Wie kann es sein, dass die Entscheidung der Umsiedlung, die laut Stadtsprecher Johansson „von allen“ mitgetragen wurde, nur kurzfristig zur öffentlichen Diskussion gestellt wird?

Geflüchtete und ehrenamtliche Unterstützer_innen werden nun vor vollendete Tatsachen gestellt und ihr Leben und Strukturen in den kleineren dezentralen Unterkünften zunichte gemacht.

Es bleibt wohl zu hoffen, dass Ehrenamtliche aus den geräumten Unterkünften sich künftig Tag um Tag auf den Weg zur Siekhöhe machen, um die Göttinger Willkommenskultur aufrechtzuerhalten ohne sich zu fragen, wem sie gerade mehr helfen – der Stadt oder den Geflüchteten?

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