Anti-Atom-Protest

Warmlaufen für den Castor
von am 23. Oktober 2010 veröffentlicht in Politik, Soziale Bewegungen, Titelstory

Etwa 230 Menschen haben am Samstag in Göttingen gegen den für November geplanten Castortransport demonstriert. Ab 11 Uhr fand auf dem Bahnhofsvorplatz eine Mahnwache mit Aktions- und Infoständen statt. Kurz nach 14 Uhr zog eine Demonstration über die Berliner Straße, Groner Landstraße, Bahnhofsallee, Godehardstraße, Hildebrandtstraße, Maschmühlenweg, Bürgerstraße und Nikolaistraße zum Gänseliesel. Dort endete die Demo zwei Stunden später nach Kundgebungen unter anderem vor den Stadtwerken und dem Verwaltungsgericht. Gleichzeitig demonstrierten in vielen anderen Städten entlang der möglichen Castor-Transportstrecken tausende Menschen gegen Atomkraft.

Der Castor-Zug fährt womöglich in der Nacht zum 6. November auf seinem Weg vom französischen LaHague ins niedersächsische Gorleben durch Göttingen. Ob er allerdings tatsächlich den Göttinger Bahnhof durchquert oder eine alternative Route über Altenbeken ins Wendland nimmt, entscheidet sich erst sehr kurzfirstig. Häufig entschieden sich die Zugführer in den zurückliegenden Jahren jedoch für die Fahrt entlang der Leine.

Ermittlungen gegen Castor Gegner_innen

Im Wendland ruft ein breites Bündnis zum „Castor Schottern“ auf. An der Castor-Strecke zwischen Lüchow und Dannenberg soll massenhaft der Schotter aus dem Gleisbett getragen werden, um sie für den Zug unbefahrbar zu machen. Eine entsprechende Absichtserklärung haben neben dem Anti-Atom-Plenum und der Jugendantifa auch mehrere Göttinger Einzelpersonen unterschrieben. Gegen sie ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Lüneburg wegen „Öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“.


Aufruf zu Straftaten? Aufkleber in der Nikolaistraße

Auch haben die Ermittlungsbehörden in Göttingen Flyer und Aufkleber gefunden, die zum Schottern aufrufen und ein Ermittlungsverfahren nach sich ziehen, wie die Polizei bekannt gab. „Nach Bewertung der Staatsanwaltschaft Göttingen erfüllt bereits das öffentliche Verteilen von Flyern und Aufklebern pp. mit der Aufforderung „Castor schottern“, das öffentliche Zeigen von Plakaten und Transparenten gleichen Inhalts und auch die mündliche Aufforderung den Tatbestand der „Öffentlichen Aufforderung zu Straftaten““, heißt es in einer Polizeipressemeldung.

In der Vergangenheit sind die Behörden immer wieder gegen Atomkraftgegner_innen vorgegangen. So wurde ein Aktivist im Herbst 2004 auf Schritt und Tritt von der Polizei überwacht – eine im Nachhinein für rechtswidrig erklärte Maßnahme. 2001 hatte sich ein verdeckter Ermittler in das Anti-Atom-Plenum eingeschleust.

Blockaden in Göttingen?

In Göttingen soll nicht „geschottert“ werden: die Verantwortlichen betonen, diese Aktionsform aus Sicherheitsgründen nur im Wendland anwenden zu wollen. Ob es in diesem Jahr konventionelle Blockaden auf den Göttinger Gleisen geben wird, ist unklar. Öffentlich aufgerufen wird dazu bislang nicht. In einem anonymen Artikel in der Göttinger Drucksache vom 22.10.2010 heißt es, es werde in Göttingen am Tag X immer schwieriger, überhaupt unbemerkt in Schienennähe zu gelangen. „Die Gleise gehen zwar quer durch die Stadt, es gibt aber wenige Zugänge oder gar Freiflächen, und es ist hochgefährlich, spontan ohne gute Vorwarnmaßnahmen auf den vielbefahrenen Schienen herum zu spuken.“ Außerdem sie die „Bullendichte“ nirgendwo an der Strecke nach Lüneburg so hoch wie in Göttingen.

GÖTTINGER PROTEST

Karte mit Protestaktion entlang der Göttinger Gleise
(Download)

In der Tat zeigt die Polizei stets starke Präsenz in Göttingen, musste doch der Castortransport, der traditionell immer Anfang November durch Göttingen fährt, oft eine Zwangspause in der Universitätsstadt einlegen. Trotz eines Großaufgebotes der Polizei gelang es Atomkraftgegner_innen immer wieder, auf die Schienen zu gelangen und den Zug zum Stehen zu bringen. Auch in diesem Jahr spielt die Polizei mit ihren Muskeln: im StadtRadio sagte Inspektionsleiter Thomas Rath, die Polizei werde „mit allen Mitteln“ versuchen, Protestierende von den Schienen fern zu halten.

In der Vergangenheit blieb dieses polizeiliche Vorhaben nicht selten erfolglos. Gleisblockaden gab es sowohl am nicht ganz hermetisch abgeriegelten Bahnhof, an unterschiedlichen Stellen im Stadtgebiet oder auch im Göttinger Umland. Im Jahr 2003 überfuhr der Castor-Zug in Göttingen ungebremst eine Blockade aus Regenschirmen und immer wieder gibt es Kritik an der Geschwindigkeit des Zuges, die ein rechtzeitiges Bremsen bei Blockaden unmöglich mache. Schwerwiegende Verletzungen gab es dabei bislang nicht, wohl auch aufgrund des hohen Organisationsgrades der lokalen Antiatom-Bewegung. 1995 waren noch hunderte Demonstrierende unkoordiniert über die Gleise beim Maschmühlenweg gelaufen.

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13 Kommentare auf "Warmlaufen für den Castor"

  1. Chx sagt:

    Das heißt Lokführer und nicht Zugführer!! Der Lokführer steuert das Triebfahrzeug, der Zugführer ist eine Art oberster Schaffner. Bitte korrigieren!!

  2. mamabär sagt:

    ich dachte der zuführer sagt den anderen bullen ab wann und wo sie drauhauen sollen?

  3. Rakete sagt:

    Danke für den fachlichen Hinweis. Wikipedia sagt:
    „Mit Zugführer[…] bezeichnet man bei einem Eisenbahnunternehmen einen Mitarbeiter, dem die Verantwortung für die Sicherheit und ordnungsgemäße Abwicklung einer Zugfahrt übertragen ist.“
    Insofern könnte das hier schon wieder zutreffen, denn wer letztlich die Entscheidung trifft, welche Route der Castor-Zug nimmt, ist ja wahrscheinlich nicht der Lokführer.

  4. Sonnitag sagt:

    man merkt, das es Sonntahnachmittag ist

  5. peter sagt:

    gibts in göttingen die möglichkeit private mitfahrgelegenheiten ins wendland rauszufinden??? mitfahrgelegenheit.de kennt nur uelzen/lüneburg….

  6. Hallo Zusammen

    Für die Laien unter euch; Ich arbeite selbst bei den Schweizerischen Bundesbahnen als Lokomotivführer im Geschäftsbereich Güterverkehr (Cargo). Mache aber auch internationale Fahrten bis nach Emmerich.

    Die Strecke / Route, der Fachbegriff lautet „Fahrstrasse/Fahrweg“ wird weder von einem Zug noch Lokführer gewählt. Zugführer werden in Personen und Postzügen eingesetzt. In Personenzügen ist dies ein stinknormaler Billeteknipser.
    Eine Route wird in Deutschland durch die DB Infrastruktur festgelegt, welche auch einen Fahrplan ausarbeitet. Dieser Fahrplan erhält der Lokomotivführer sowie die Fahrdienstleiter der Strecke(in diesem Fall auch die Polizei). Ein Fahrdienstleiter hat seinen Arbeitsplatz in einem Stellwerk / Fernsteuerzentrum eines Bahnhofes. Somit ist jeder kleinste Bahnhof auf der Route des Castorzuges über seine Route informiert, natürlich sind nicht alle Bahnhöfe Lokal Bedienst, diese werden dan eben zum Beispiel von der nächst grösseren „Ferngesteuert“. Wen die Route Interessiert soll sich doch für einen „Eisenbahnfan“ ausgeben und mal in einem kleineren Bahnhof sich über den Fahrweg erkundigen und den Fahrplan, man möchte doch gerne ein paar Fotos machen. (Von vorteil wäre wenn Ihr nicht gerade „LINKS“ angezogen wärt 😉 )

    Wenn solche Castorzüge bestellt werden, werden von den zwei Infrastrukturbetreiberinnen, in diesem Fall die DB und die SNCF werden beiderseits bis ca. zehn Ausweichstrecken vorgeplant welche die Demos umfahren können. Meistens ist es aber für die Betreiberinnen schwierig herauszufinden wo sich die „Atom-Fans“ aufhalten.

    Fragen?

  7. Rakete sagt:

    Wow, so sachlich und themennah wurde hier ja noch nie diskutiert 🙂 Meine Wortwahl („Zugführer“) war aber auch mehr des Bildes wegen gewählt – sicher gibt es da eine Gesamteinsatzleitung der Bundespolizei, die das entscheidet. Die Göttinger Polizei erfährt nach eigenem Bekunden erst sehr kurzfristig, ob der Zug durch Göttingen fährt oder nicht.

  8. tja sagt:

    kann irgendwer kurz von der heutigen bobbycardemo berichten?

  9. Tom sagt:

    Die Bobbycardemo war super. Waren so 200 – 300 Leute, ganz viele Kinder, alles sehr bunt, mit selbstgebastelten Schildern, Bobbycars mit scheppernden Atommüll-Konservendosen hintendran etc. Alles sehr kindgerecht gemacht, Graturlation anden Kei-Kindergarten. Ich fand das ein prima Beispiel, wie man auch Kindern ermöglichen kann, offensiv mit Ängsten und Fragen umzugehen. Es geht ja gerade beim Thema Atomkraft um ihre Zukunft!

  10. Micha sagt:

    Die Demo war echt super.
    Den großen, ich sag´mal: richtigen, Trecker mit Anhänger mitzunehmen fand ich auch gut. Das ist ja auch nicht ungefährlich, wenn da viele Kinder mit Bobby Cars, Rollern und Treckern rumflitzen. Das war aber gut gemacht.
    Was ich eigentlich sagen wollte: An der inhaltlichen Tiefe der Lieder kann sich manch andere Demo ein Beispiel nehmen.

    Mein Lieblingssong hatte ungefähr folgenden Plot:
    Die Kinder und Eltern überzeugen die Bauarbeiter_innen, das der Spielplatz nicht (für ein AKW ?) abgerissen werden soll und als die Polizei kommt und hart drauf ist halten alle fest zusammen und verteidigen die Spielplatz.

  11. Zeitungsleserin sagt:

    Auch die HNA berichtet über die Kinderdemo. Der letzte Absatz ist herrlich!
    http://www.hna.de/nachrichten/landkreis-goettingen/goettingen/protestzug-bobby-cars-990118.html

  12. mamabär sagt:

    danke für die demoberichte!

    im übrigen geht beim gt zur zeit die megakommentarschalcht ab. bezüglich: „kinder“demo, trecker nach gorleben und nazis in güntersen.

    wer lachen will oder aktiv sein besser findet: http://www.goettinger-tageblatt.de/

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